Dialogue

Täterforschung

Dr. Elissa Mailänder Koslov ist DAAD Fachlektorin an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales in Paris. Dr. Christian Gudehus ist wissenschaftlicher Geschäftsführer des Center for Interdisciplinary Memory Research.

Eine Annäherung an die Frage, wie Menschen zu Tätern werden.

Von Christian Gudehus und Elissa Mailänder Koslov

Täter ist eine juristische und moralische Kategorie, die sich auf das Gesetz bzw. gesellschaftliche Normen bezieht. Geht es jedoch darum, ein Geschehen zu verstehen, menschliches Verhalten zu beobachten, zu studieren und zu erklären, führt der Begriff in die Irre. Dies hat sich in Deutschland Mitte der 1990 Jahre in den hitzigen Diskussionen über Christopher R. Brownings bzw. Daniel J. Goldhagen Studien über NS-Täter sowie in den Kontroversen um die erste Wehrmachtaustellung gezeigt.

Die Verwirrung darüber, dass Täter nicht nur Mörder und Gewaltakteure, sondern auch ganz normale Menschen, gute Familienväter bzw. -mütter sowie liebevolle Ehegatten sind, die mitunter in anderen situativen Kontexten sogar zu Helfern und Helferinnen werden, rührt von der absoluten Setzung des Begriffs Täter her. Diese verdeckt den Blick darauf, dass jemand ja erst dazu wird und, dass er oder sie vor und nach der Tat – manchmal auch zwischen dem Entrechten, Aussondern, Misshandeln, Deportieren, Einsperren, Stehlen, tatenlosen Zuschauen auch jemand Anders ist oder war.

Die vermeintliche Ambivalenz zwischen dem verbrecherischen Handeln einerseits und einem als normal gedeuteten Verhalten andererseits liegt in einer weit verbreiteten Auffassung darüber begründet, dass menschliches und damit auch je eigenes Handeln vor allem ein Produkt von Werten, Einstellungen und Charakter sei. Bezeichnenderweise finden sich in der sogenannten Täterforschung (auch übrigens in jener zum Terrorismus) ebenso wie in der Helferforschung lange, vergebliche Versuche, Persönlichkeitsmerkmale bzw. sozialisierungsbedingte Effekte als zentrale Ursachen für Verhalten dingfest zu machen.

Nun haben aber sowohl die Sozialpsychologie und die Soziologie als auch seit einiger Zeit die historische Forschung gezeigt, dass situative Faktoren und soziale Konstellationen und Dynamiken von außerordentlich großer Bedeutung dafür sind, ob Menschen etwa einem Juden in Not helfen oder sich durch Denunziation oder gar Mord an seiner Verfolgung beteiligen. Charakter, Einstellungen, politische oder religiöse Überzeugungen sind hingegen weit weniger ausschlaggebend.

Dieser Fakt ist eine nicht unerhebliche narzisstische Kränkung, verstehen wir uns doch lieber als Menschen, die eben gemäß ihrer Überzeugungen handeln. Darum erfinden Menschen ja auch entsprechende Geschichten über sich als Einzelne (Autobiographien) oder Kollektive (Geschichte), in denen solche Zusammenhänge von Herkunft und Handeln zum Zwecke der Konstruktion von Kohärenz („Was ich mache, ist nicht beliebig, sondern hat damit zu tun, woher ich komme“), Sinn („Was ich tue, ist sinnvoll und nicht bedeutungslos“) und Normen („Was ich tue, ist gut und richtig“) hergestellt werden. Gleichzeitig ist der Verweis auf die Umstände nicht selten als Entschuldigung vorgebracht worden („Ich konnte nicht anders, damals war es halt so“), und hat somit an Glaubwürdigkeit verloren.

Der Verweis auf situative Faktoren läuft Gefahr als Determinismus verstanden zu werden, selbst wenn betont wird, dass auch in solchen Settings ständig Entscheidungen getroffen werden, für die der Mensch selbst die Verantwortung trägt. All diese Faktoren – die narzisstische Kränkung, der Entschuldungsdiskurs und vermuteter Determinismus – tragen zu den Schwierigkeiten bei, sich Verbrechen und jenen, die sie begehen, so anzunähern, wie es für ein Verständnis von Geschehen und Taten wünschenswert wäre.

Hinzu kommt, dass in erzieherischen Kontexten, die Rede ist nicht zwangsläufig von Bildung, in denen auf Wertevermittlung abstellt wird, erneut eben Einstellungen, Charakter und die Bejahung eines Systems (der Demokratie) allzu leicht als handlungsrelevant erzählt werden. In der Formulierung „Lernen aus der Geschichte“ ist eine weitere sinnstiftende Verengung der Beschäftigung mit Gewalt und damit des Erzählens von Geschichte angelegt.

Forschende beschäftigen sich mit der Vergangenheit und somit auch mit vergangenen Handlungen, um zu verstehen. Von Verhüten, Vorbeugen, Demokratieerziehung ist hier noch gar nicht die Rede. Verstehen, ist zu erkunden, was Menschen in bestimmten historisch-kulturellen, sozialen und situativen Settings eben die eine oder Handlung ausführen lässt. Was sich dabei lernen lässt, ist, dass eine bestimmte Konstellation die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass jemand seinen Nachbarn nicht mehr grüßt, sich an ihm bereichert, ihn verrät, schlägt.

Allerdings bezieht sich ein solches Verstehen auf ein durchschnittliches, ein abstraktes Subjekt stimmt also nur bedingt mit historischen Verstehensansätzen überein. Zwar erhöht Gruppendruck die Wahrscheinlichkeit der Teilnahme an kollektiven Gewalttaten, aber eben nicht für Jede und Jeden. Und genau hier wird die absurde Begrenzung einer klassischen Täterforschung offensichtlich: der verengte Blick auf Täter führt oftmals zu Erzählungen, in denen Kausalitäten konstruiert werden. Eine vergleichende Betrachtung von individuellem Handeln in Kontexten kollektiver Gewalt, Handeln gleich welcher Art, trägt ungleich mehr zum Verständnis dessen bei, was Menschen verfolgen, zuschauen oder helfen lässt.

 

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