Dialogue

Umweltprobleme in der DDR im Überblick und Ost-West-Vergleich

Peter Wensierski berichtete von 1978 bis 1990 als West-Journalist aus der DDR über die Oppositionsbewegung in Jugend-, Kirchen-, Künstler- und Intellektuellenkreisen. Er besuchte Massenveranstal¬tungen der SED ebenso wie Kirchentage, Synoden oder Punkkonzerte, Bluesmessen und Friedenswerkstätten. Darüber entstanden Bücher, zuletzt „Jena-Paradies“, sowie zahlreiche Dokumentarfilme.

von Peter Wensierski

„Im Interesse des Wohlergehens der Bürger sorgen Staat und Gesellschaft für den Schutz der Natur“ – so stand es seit 1968 in der Verfassung der DDR. Damit war der Um­weltschutz früher als in der Bundesrepublik als Staatsziel verankert, doch die Realität sah anders aus. Denn die Um­weltprobleme innerhalb der DDR waren in allen Regionen deutlich sicht-, riech- und spürbar. Ostdeutschland hat­te pro Kopf die höchsten Schadstoff-Emissionen Europas bei Schwefel- und Kohlendioxid, Staub und Schwermetallen (Wensierski 1988: 266ff.). Dies war aber nicht nur für die DDR ein Pro­blem, denn Umweltprobleme machen an Landesgrenzen nicht halt, sie dringen mit Wind und Wasser überall hin und zwingen Staaten zur Zusammenarbeit. So etwa die zwar jahrzehntelang geteilten, doch ökolo­gisch trotzdem eng miteinander verbunde­nen beiden deutschen Staaten. Flüsse enden nicht an der Grenze und in Berlin herrschte im Winter regelmäßig auf beiden Seiten der Mauer Smog (doch Fahrverbote gab es nur im Westteil der Stadt).

Geteilte Verantwortung? 

Diese gemeinsame Betroffenheit von wachsenden Um­weltproblemen rückte spätestens seit Beginn der 1970er Jahre immer deutlicher ins Bewusstsein der Akteur*innen beiderseits der innerdeutschen Grenze. Um „Schäden und Gefahren für die jeweils andere Seite“ abzuwenden, wur­de schon im Zusatzprotokoll zum Grundlagenvertrag im Dezember 1972 an ein Umweltschutz-Rahmenabkom­men zwischen Ost- und Westdeutschland gedacht. Erste Gespräche fanden ein Jahr später statt, doch kurz darauf stoppte die DDR die Verhandlungen. Als Grund musste ausgerechnet die Etablierung des Umweltbundesamtes in West-Berlin im Juli 1974 herhalten – was Ost-Berlin als Verstoß gegen das kurz zuvor geschlossene Viermächteab­kommen betrachtete.

Trotz vieler Bemühungen aus Bonn blieb die gemeinsa­me Arbeit an Umweltthemen zwischen beiden deutschen Staaten deswegen jahrelang auf der Strecke. Erst 1980 einigte man sich darauf, wenigstens Expertengespräche aufzunehmen. Konkret sollte es um die Berliner Gewässer und die durch den Kaliabbau stark belastete Werra gehen. Doch am Ende der zähen zweijährigen Verhandlungen stand nur eine kleine Vereinbarung: Die Bundesrepublik beteiligte sich mit 68 Millionen D-Mark an den Kosten einer bis dahin nicht vorhandenen chemischen Reinigungsstufe dreier Klärwerke in der Umgebung Berlins. Dies wurde als entscheidender Fortschritt gefeiert. Immerhin waren Spree, Havel und die Berliner Seenkette extrem belastet, stark veralgt und manche Gewässer durch die phosphathaltigen Abwässer aus Brandenburg durch Eutrophierung bereits umgekippt. Mit der chemischen Abwasserreinigungsstu­fe konnte der Phosphateintrag in den Abwässern, den vor allem die intensive Landwirtschaft verursachte, reduziert werden. Die Einhaltung der Werte wurde nach der Fertig­stellung ab 1987 durch die regelmäßige Übermittlung von Messwerten durch die DDR vom Westen kontrolliert.

Das zweite Verhandlungsergebnis betraf die bayerisch-thü­ringische Grenzregion bei Sonneberg. Dort zahlte die Bun­desrepublik 18 Millionen für den Bau einer Kläranlage, um die Verschmutzung des kleinen Flusses Röden durch unge­klärte Abwässer aus der DDR zu verbessern. Denn eine im Westen bereits 1974 errichtete Flusskläranlage vermochte es nicht, die Schäden durch die DDR-Abwässer zu verhin­dern.

Eine Kläranlage in Sonneberg, drei neue Stufen bei exis­tierenden Kläranlagen in Brandenburg – von großen Erfol­gen in Sachen Umweltschutz war man zwischen Ost- und Westdeutschland weit entfernt, auch wenn es weitere Ex­pertengespräche über eine Reduzierung der Werra-Versal­zung, Rauchgasentschwefelung, Elbeverschmutzung, Re­aktorsicherheit, Abfallwirtschaft und Notfallschutzplanung gab. Während die westlichen Delegationsteilnehmer*innen stets vom Verursacherprinzip ausgingen, argumentierte die DDR mit dem Nutzen- und Vorteilsprinzip. Au­ßerdem war die Einbezie­hung West-Berlins für die DDR immer wieder ein kritischer Punkt, denn für sie war die Halbstadt kein Teil der BRD.

Verbrennung von Braunkohle. Die Energiebilanz des Rohstoffs war ineffizient: 80 Prozent gingen bei der Nutzung verloren. © Bundesstiftung Aufarbeitung, Klaus Mehner, 88_1208_WIF_BKohle_26

Bei der Verschmutzung der Flüsse war der Ver­ursacher klar: ob Elbe, Spree, Werra, Leine, Jeet­ze, Röden oder Saale – sie alle transportierten Schadstoffe gen Westen. Bei den Schäden durch Schwefel­dioxid, Staub und Flugasche konnte es je nach Windrich­tung auch anders aussehen. Bei Helmstedt etwa wechselte die Luftbelastung durch die direkt an der Grenze gelegenen Braunkohle-Kraftwerke Harbke (im Westen) und Busch­haus (im Osten) je nach Windrichtung. Und nahe der Grenze bei Helmstedt und Salzgit­ter verbrachten beide Staaten radioaktive Abfälle unter Tage, praktisch in einem un­terirdisch grenzüberschreitend verbunde­nen gigantischen Salzstock zwischen Mors­leben im Osten und der „Asse“ im Westen. Das Problem bereitet noch heute Kopfzer­brechen wegen möglicher Grundwasserver­schmutzung.

Geheimgehaltene Umweltdaten 

Ungelöst blieben damit die größten Umweltprobleme der DDR – die Luftverschmutzung in industriellen Ballungsge­bieten, die Belastung des Oberflächen- und Grundwassers durch die industrialisierte Landwirtschaft, das großflächige Waldsterben im Süden der DDR, die massiven Landschafts­zerstörungen durch die Braunkohletagebaue sowie die von einigen Atomanlagen und der Wismut-Uranförderung aus­gehende radioaktiven Strahlung und Risiken.

Je mehr man in dieser langen Liste der DDR-Umweltsün­den auf die konkreten Details schaut, zeigt sich ein seltsam ressourcen- und menschenverachtendes Agieren in einem Land, das den Menschen zum Mittelpunkt seiner Politik erklärte. Und das Fatale daran war: All diese Probleme konnten nicht öffentlich diskutiert werden. Die DDR-Me­dien brachten nur Erfolgsartikel; die Bürger*innen wende­ten sich zwar an die Behörden, doch selten mit größerem Erfolg. SED und Stasi sorgten sich vor allem darum, dass Umweltschäden oder Unglücke in Betrieben nicht öffentlich wurden. Sämtliche Umweltdaten unter­lagen der Geheimhaltung und das Gesetz zur Geheimhaltung von Umweltdaten war selbst wiederum geheim. So wie die DDR laut ihrem Staatsnamen eine demokrati­sche Republik war, so war sie auf dem Papier eine umwelt­freundliche Republik. Noch vor der Bundesrepublik gab es 1972 in Ost-Berlin einen Umweltminister und ein „Ministe­rium für Umweltschutz und Wasserwirtschaft“. Ein formal umfassendes, gut klingendes „Landeskulturgesetz“ hatte die DDR – als zweites europäisches Land nach Schweden – schon 1970 erlassen. Es ging ihr dabei um internationales Ansehen – schließlich konnte sie, damals von nur wenigen Staaten anerkannt, gleichberechtigt neben der Bundes­republik an der ersten Internationalen Umweltkonferenz 1972 in Stockholm teilnehmen. Das Landeskulturgesetz sollte die natürlichen Lebens- und Produktionsgrundlagen erhalten, aber auch dafür sorgen, dass sie „effektiv genutzt“ wurden. Letzteres bedeutete, dass der Umweltschutz grundsätzlich ökonomischen Zielen untergeordnet blieb.

Nachhaltigkeit im Alltag 

Gleichwohl verwies die DDR häufig auf mehr als 400 de­klarierte Landschafts- und Naturschutzgebiete, die rund 18% der DDR-Gesamtfläche einnahmen. Viele ehemalige DDR-Bürger*innen erinnern sich noch heute gerne an das SERO-Ablieferungssystem als Recycling wertvoller Altstoffe, an dem sich ganze Generationen von Kindern, Schulklas­sen und FDJ-Gruppen beteiligten. Mit Altpapier, Flaschen, Lumpen, Plastik oder Metallschrott ließ sich jedes Ta­schengeld und manche Klassenkasse aufbessern. Man zog von Haustür zu Haustür und fragte nach „Wertstoffen“. Das DDR-Fernsehen erklärte, wie viel Rohstoffe und Geld die sozialistische Republik auf diese Weise einsparte. Ein Kilo „Plaste“ brachte 1 DDR-Mark, Kupfer 2,50. Das er­gab einen hohen Wieder­verwertungsanteil.

Steinzeugkombinat Bitterfeld mit rauchenden Schornsteinen im November 1981. © Bundesstiftung Aufarbeitung, Harald Schmitt, 81 1142 001FV

Zudem war die DDR kei­ne Wegwerfgesellschaft, repariert wurde alles und jedes, worauf viele zwi­schen Rügen und dem Erzgebirge zu Recht noch heute stolz sind. Auch der Straßenverkehr war ge­ringer als im Westen, Mö­bel und Kleidung wurden länger genutzt. Doch trotz geringerem Straßenverkehr: Der Trabant war ein krankmachender Umweltverschmutzer und viele DDR-Bürger*innen erlebten in ihrem Alltag eine immense Energieverschwendung: Selbst im Winter ständig geöffnete Fenster in schlecht regulierbaren, ferngeheizten Büros, dauerbrennende Stra­ßenlaternen sowie defekte Sanitäranlagen, bei denen Frischwasser monatelang direkt im Abfluss verschwand. Ganz abgesehen von der Energieverschwendung durch ver­altete, stromfressende Anlagen in den Be­trieben.

Umweltschutz und Opposition 

Erst nach dem Fall der Mauer gab es Klarheit darüber, in welcher dramatischen Umweltsituation sich die DDR be­fand. Nun ließ sich nichts mehr geheim halten oder be­schönigen. Schon seit 1979 hatte eine zunehmende Zahl nichtstaatlicher Umwelt-Aktionsgruppen, vor allem un­ter dem Dach der evangelischen Kirche, die Umweltver­schmutzung kritisiert. Sie wurden von der Stasi überwacht und nach Möglichkeit „zersetzt“. Das änderte nichts daran, dass die sichtbar verseuchte Umwelt immer mehr Men­schen empörte und auch als Argument zur Begründung eines Ausreiseantrages diente. Umweltschutz wurde zum Dauerthema der Oppositionsbewegung. Als Reaktion dar­auf gründete die DDR 1980 eine Gesellschaft für Natur und Umwelt (GNU), die allerdings keinen nennenswerten Ein­fluss nehmen konnte.

Die unabhängigen Umweltgruppen spielten bei der Mobi­lisierung im Herbst 1989 eine wichtige Rolle. Etliche Aktive fanden sich in der – allerdings kurzlebigen – Massenbewe­gung Neues Forum zusammen und wirkten dann an den Runden Tischen mit, wo sie versuchten, Einfluss auf umweltpolitische Zielsetzungen beim ökologischen Umbau Ostdeutschlands zu nehmen. Eine Gemein­same Umweltkommission bewertete be­reits im Februar 1990 die Situation als dra­matisch. Nach und nach wurden geheim gehaltene Berichte der DDR-Regierung öffentlich. So war seit Jahren schon intern das Gebiet um Bitterfeld als un­bewohnbar für Kinder eingestuft worden, ohne es der Be­völkerung mitzuteilen. Missbildungen, Krankheiten, sogar Todesfälle bei Kleinkindern waren stillschweigend hinge­nommen worden.

Daher kam es ziemlich schnell zur Stilllegung von Atom­kraftwerken, zur Abschaltung besonders veralteter Anlagen der Kohleindustrie sowie einem schrittweise verabredeten Ausstieg aus der Braunkohle durch Schließung von Tage­bauen. Auch die Uranförderung wurde aufgegeben. Nach Ende der Geheimhaltung wurde klar: Die Folgeschäden würden nur mit einem milliardenschweren Sanierungspro­gramm behoben werden können.

Ausblick

Nach der Vereinigung wurden die in der Bundesrepublik geltenden Umweltgesetze auf das ehemalige Gebiet der DDR übertragen, was zu erheblichen Schadstoffreduzie­rungen führte. Andere Probleme entstanden jedoch durch Anstieg des Verkehrs, mehr Müllaufkommen, mehr Zersie­delung.

Insgesamt hatte die DDR allerdings auch weite, zwar be­lastete, aber wertvolle Landstriche, die ökologisch erfolg­reich umgebaut werden konnten. So kam es zur Festle­gung neuer Nationalparks und Biosphärenreservate durch Michael Succow, einen der grünen Aktivisten, der 1990 noch stellvertretender Umweltminister geworden war und dafür später den Alternativen Nobelpreis erhielt. 4,5% des DDR-Gebietes wurden dank seiner Initiative ökologisches Schutzgebiet. Selbst der „Todesstreifen“, jene knapp 1400 Kilometer lange innerdeutsche Grenze, hat sich heute als „grünes Band“ in ein Biotop verwandelt und wurde von der Bundesregierung zum „nationalen Naturerbe“ erklärt. Wer hätte das gedacht, als dort noch alles mit Chemikalien ent­laubt wurde und Minen, Selbstschussanlagen und Wach­türme abschreckten?

 

Literatur

Wensierski, Peter: Ökologische Probleme und Kritik an der Industriegesellschaft in der DDR heute, Köln 1988.

 

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