Katharina Hochmuth ist Leiterin des Arbeitsbereichs Schulische Bildungsarbeit bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Berlin.

von Katharina Hochmuth

Das Karussell der Jahrestage dreht sich weiter und stoppt dieses Mal beim 17. Juni 1953 – 70 Jahre Volksaufstand in der DDR. Bei aller Kritik, die an den wiederkehrenden Aufmerksamkeitsspiralen geübt werden kann, bleibt die Beschäftigung mit historischen Jubiläen für die histo­risch-politische Bildung doch gewinnbringend: Mit zuneh­mendem Abstand verändern sich die Narrative über den 17. Juni ebenso wie die Fragen, die er aufwirft. Zudem lie­gen neue wissenschaftliche Arbeiten vor und erinnerungs­kulturelle Aspekte spielen eine immer stärkere Rolle.

Nur noch wenige Zeitzeugen können mit ihren Erinne­rungen aus Jugend und Kindheit aus einer persönlichen Perspektive über den Verlauf des Volksaufstandes berich­ten. Diese Zeitzeugenschaft und Erzählungen von mutigem Protest und Zivilcourage zu sichern und die individuellen Handlungsspielräume der Akteurinnen und Akteure zu ver­deutlichen, ist ein wichtiges Ziel im Jubiläumsjahr.

Aus diesem Anlass hat die Bundesstiftung Aufarbeitung einen inhaltlichen Schwerpunkt auf „Protest und Aufstände gegen autoritäre Herrschaft und Diktaturen“ gesetzt, womit eine breite Auseinandersetzung mit Aufständen in Ost­mitteleuropa auch im internationalen Vergleich befördert werden soll. Die Förderlinie möchte zu einer bundesweiten Beschäftigung in gesamtdeutscher Perspektive mit dem 17. Juni sowie mit unterschiedlichen Protesten und Aufstän­den in (kommunistischen) Diktaturen weltweit anregen und dazu beitragen, Repressionsmechanismen aufzuzeigen.

Der Volksaufstand in der DDR mit über einer Million betei­ligter Menschen kann zwar als Auftakt oder Initialzündung von Widerstand gegen das SED-Regime im Nachkriegs­deutschland gesehen werden, aber er war bei weitem nicht der einzige Aufstand gegen kommunistische Herr­schaft. Deutlich wird dies, wenn wir nach Ungarn, in die Tschechoslowakei oder nach Polen schauen. Eine ver­gleichende Protestgeschichte, die über den nationalen Rahmen hinausreicht und gleichzeitig stark gegenwarts­bezogen agiert, kann einerseits dazu beitragen, strukturel­le Unterschiede und Ähnlichkeiten bei Protestzielen und -formen sowie bezüglich der politischen Voraussetzungen herauszuarbeiten und andererseits zum Verständnis heu­tiger Problemlagen beitragen. Zwar ergibt sich die Rele­vanz des historischen Gegenstandes nicht per se aus einer Verknüpfung mit Gegenwart und Zukunft; allerdings ist ein solcher Vermittlungsansatz aus geschichtsdidaktischer Perspektive mehr als sinnvoll, um gerade Jugendliche mit ihrem Erfahrungshorizont einzubinden.

In einer Zeit, die von vielen als krisenhaft und unsicher wahrgenommen wird, rückt die Verteidigung von Frieden sowie von Menschen- und Freiheitsrechten stärker in den Fokus. Teils unter Einsatz ihres Lebens protestieren vieler­orts junge Menschen für die Durchsetzung oder den Erhalt dieser Freiheiten und für demokratische Grundrechte. Die Bundesstiftung Aufarbeitung möchte dazu anregen, die aktuellen Bewegungen in Bezug zu den historischen Protesten zu setzen, um so Quer- und Längsschnitte durch die Protest­geschichte zu ermöglichen.

Im Hinblick auf den 17. Juni 1953 bietet das vorliegende LaG-Magazin dafür mit vielfältigen Beiträgen hervorragen­de Anknüpfungspunkte sowie Anregungen für Lehrkräfte und Bildungsakteure. Das Magazin leistet somit einen Beitrag zu einer reflektierten Analyse des 17. Junis, der mit ihm verbundenen Narrative und wissenschaftlichen Er­kenntnisse.

 

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