Dialogue

Neue Wege gehen! Lernen an Orten politischer Verfolgung

Silke Klewin ist Historikerin und leitet seit 1998 die Gedenkstätte Bautzen. Unter dem Dach der Stiftung Sächsische Gedenkstätten hat sie den Auf- und Ausbau des Erinnerungsortes im Verbund mit dem Opferverein Bautzen-Komitee von Anbeginn organisiert. Sie zeichnet für die Dauerausstellungen der Gedenkstätte, für Sonder- und Wanderausstellungen ebenso verantwortlich wie für das breite Bildungsangebot des Erinnerungsortes. Ausgewählte Veröffentlichung: Karl Wilhelm Fricke, Silke Klewin: Bautzen II. Sonderhaftanstalt unter MfS-Kontrolle. 1956 bis 1989. Bericht und Dokumentation, Dresden 2007.

Von Silke Klewin

Erinnerungsorten wird für das historische Lernen ein sehr großer gesellschaftlicher Stellenwert beigemessen. Gedenkstätten gelten als Eckpfeiler unserer heutigen Geschichtskultur. Mit ihrer Bildungsarbeit sollen sie einen wichtigen Beitrag zur Stärkung des Demokratieverständnisses leisten – insbesondere der jüngeren Generation. Jüngster Beleg dieses weitgehenden Konsenses ist der Koalitionsvertrag 2021 - 2025, in dem die designierte Regierung aus SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP bekräftigt: „Wir begreifen Erinnerungskultur als Einsatz für die Demokratie und als Weg in eine gemeinsame Zukunft.“ Ähnlich formulierte es bereits das Sächsische Gedenkstättenstiftungsgesetz im April 2003: „Die Stiftung Sächsische Gedenkstätten will die Erinnerung an die Vergangenheit wachhalten und an die nachfolgenden Generationen weitergeben. Sie will ihnen ermöglichen, für Menschenwürde, Freiheit, Recht und Toleranz einzutreten und Gefährdungen dieser Grundwerte und der Demokratie wirkungsvoll zu begegnen.“ 

Es stellt sich uns, die wir in dem Bereich der Aufarbeitung der DDR-Geschichte arbeiten, allerdings die Frage, ob wir diese Ziele erreichen, wenn wir an der Alltagswahrnehmung von vielen ehemaligen DDR-Bürger*innen vorbeigehen. Viele sehen in der DDR nicht in erster Linie den Unrechtsstaat, sondern das Land indem sie eine unbeschwerte Kindheit und Jugend verlebten, indem es großen sozialen Zusammenhalt gab, das Land, indem sie ein gutes Leben geführt haben. 

Die Gedenkstätte Bautzen ist ein Erinnerungsort, der das Diktaturgedächtnis wachhält. Im Gebäude der ehemaligen Stasi-Sonderhaftanstalt dokumentiert sie die komplexe und verwickelte Geschichte politischer Verfolgung und Inhaftierung in den beiden Bautzener Haftanstalten (in Bautzen I, dem „Gelben Elend“ und in Bautzen II, dem „Stasi-Knast“) während der NS-Diktatur und der Diktatur in SBZ und DDR. Das öffentliche Interesse an diesem historischen Ort und seinen vielfältigen Bildungsangeboten ist ungebrochen hoch. Die Gedenkstätte Bautzen zählt als „mid-size player“ der Erinnerungskultur jährlich rund 100.000 Besucher*innen, 900 geführte Rundgänge und 100 Schüler*innen-Projekte bzw. Workshops. Neben Bildungsangeboten zur NS- und SBZ-Geschichte bietet die Gedenkstätte Bautzen ein reiches, vielfältiges Repertoire zur Auseinandersetzung mit der Repressionsgeschichte der DDR. Der historische Ort wird entschlüsselt und erläutert, Schicksale politischer Häftlinge werden präsentiert und Verfolgungsmechanismen erklärt und kontextualisiert. „Opfer“- und „Täterbiografien“ werden mit Themen verknüpft (Haftgründe, Alltag, Arbeit, Folgen etc.) und/oder mit konkreten Orten im Haus (Arrest, Isolation, Freihöfe etc.). 

Sämtliche Bildungsangebote erfüllen die Ansprüche an moderne Vermittlungsarbeit und folgen dem Prinzip, „forschend-entdeckendes Lernen“ zu ermöglichen. Sie alle haben das Vermittlungsziel, die DDR als „SED-Diktatur“ anzuklagen und Empathie mit Regimegegner*innen zu erzeugen. Die Gedenkstätte vertritt das vorherrschende öffentliche DDR-Narrativ von einer zum Scheitern verurteilten Parteidiktatur, sowie von Unterdrückung, Verfolgung und politischer Haft, die durch die friedliche Revolution erlösend überwunden wurden. 

Ob wir den eingangs umrissenen Ansprüchen Genüge leisten und mit unserer Bildungsarbeit tatsächlich die Demokratie stärken? Wir wissen es schlichtweg nicht. Besucher*innenzahlen sagen nichts über die Wirkung von Gedenkstättenbesuchen. Es fehlen empirische Untersuchungen darüber, ob, wie und in welchem Umfang historisches Lernen an Erinnerungsorten funktioniert und inwieweit Gedenkstättenbesuche überhaupt demokratiefördernde Wirkungen entfalten. Meines Erachtens beanspruchte der Leitsatz Roland Jahns viel zu lange unwidersprochen Gültigkeit, der als Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde postulierte: "Je besser wir Diktatur begreifen, desto besser können wir Demokratie gestalten."  /p>

Ich denke, dass wir „Aufarbeitende“ neue Wege gehen müssen, um unsere Bildungsarbeit zu verbessern. Wir müssen unsere eingefahrenen Gleise verlassen, müssen uns Fragen stellen und unser Tun überprüfen. Wir brauchen neue Diskussionen und Debatten, um Räume zu öffnen und neue Ansätze und Formen zuzulassen. 

Wir müssen vor allem endlich zur Kenntnis nehmen, dass unser Narrativ vielfach ins Leere läuft. Die Deutung der DDR ist stärker umkämpft als wir es wahrhaben wollen. Die Mehrzahl der DDR-Bürger*innen hatte keine Erfahrungen mit politischer Verfolgung und Inhaftierung. Sie fühlte sich nicht in einem großen Gefängnis lebend, wie namhafte Vertreter*innen der Aufarbeitungsszene oft behaupten. Unsere Meistererzählung ruft gerade auch bei ostdeutschen Schüler*innen oftmals Abwehr und Widerstand hervor, weil sie dem Familiengedächtnis und vor allem den „Wendeerzählungen“ widerspricht. Bestehende Gegenerzählungen sollten wir nicht nur nicht abwerten, sondern in der Bildungsarbeit aktiv aufgreifen.  

Unseren Blick auf die Erinnerungsorte gilt es zu schärfen und gleichzeitig zu weiten. Gerade an Haftorten muss das Spezifische des Unrechts klarer herausgearbeitet werden. Gefängnisse sind Orte, die man nicht kennt und über die man nicht spricht. Ein zu enger, nur rückwärtsgewandter Fokus auf nur einen Haftort verleitet zu Fehldeutungen. Wir müssen stärker vergleichen, um das DDR-spezifische Gefängnissystem richtig zu verstehen. Welche Phänomene sind allgemein (vielfach bis heute) gültig? Welche für die DDR spezifisch? Wir haben insbesondere den Vergleich mit Theorie und Praxis des Strafvollzuges der Bundesrepublik vernachlässigt. Dieser würde uns helfen, DDR-Haft besser zu verstehen. 

Bisher fokussierten Untersuchungen zu DDR-Repressionsorten ausschließlich auf politische Insass*innen. Meines Erachtens müssen wir den Blick auf die kriminellen Gefangenen der DDR weiten. Die menschenverachtende Behandlung galt gleichermaßen für politische wie kriminelle Häftlinge. 

Zu Recht diskutieren wir in Gedenkstätten derzeit viel über notwendige Gegenwartsbezüge, die wir herstellen müssen. Wir behaupten zwar, Besucher*innen dort abholen zu wollen, wo sie stehen. Eigentlich heißt das für uns aber nur, auf das mangelnde und abnehmende Wissen zur DDR-Geschichte zu reagieren, aber nicht, Interessen der Besuchenden abzufragen.

Es gibt natürlich nicht den einen verbindlichen, richtigen Weg für in unserem Sinne erfolgreiches historisches Lernen an Erinnerungsorten. Wir sollten aber kreative, künstlerische, theatrale Formen und auch Emotionalität in unser Repertoire aufnehmen. Aleida Assmann schreibt in ihrem Buch Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik: „Gegen die drohende Engführung in sprachliche und bildliche Stereotypen werden besonders die Künste gebraucht, die in ihren verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten und Medien die historische Imagination erweitern und prägnante Formen der Vergegenwärtigung von Vergangenheit erfinden können.“ (München 2006, S. 249.)

Wir müssen unbedingt zulassen, dass gerade Jugendliche ihre eigenen Fragen an die Geschichte stellen dürfen. Wie sonst kann es uns gelingen, junge Menschen in die Verhandlungsprozesse des Erinnerns einzubeziehen? Ich spreche mich dafür aus, dass Jugendbegleitgremien für unsere Arbeit geschaffen werden bzw. Jugendliche in Beiräte und Räte einziehen. Es sollten nicht länger wir Alten sein, die imaginieren, was unsere Zielgruppen interessiert und was sie als Gegenwartsbezüge erachten. 

Offenere, partizipative und demokratischere Formen wären ein guter Weg unsere Bildungsarbeit zu verbessern. Bisher haben wir zu viele feste, durchgeplante Formate, die von Projektteilnehmenden „abgearbeitet“ werden. Diese sollten aber das, was sie sehen, lernen und erfahren möchten, selbst bestimmen. Der Wechsel von einer angebotsorientierten hin zu einer nachfrageorientierten Praxis betrachtet die teilnehmenden Jugendlichen nicht als anvisiertes Objekt, sondern als wertzuschätzendes und teilhabeberechtigtes Subjekt. 

Literatur

Aleida Assmann: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. München 2006.

 

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