Dialogue

Ansatzpunkt Verschwörungsmythen: Antisemitismuskritische Bildungsarbeit im Strafvollzug

Dr. Katinka Meyer ist als Referentin im Anne Frank Zentrum für die Entwicklung und Umsetzung von (Fort-) Bildungsangeboten zur Antisemitismus-Prävention für Inhaftierte, Justizvollzugsbeamte sowie pädagogische Multiplikator*innen zuständig. Sie ist in Kooperation mit der Hochschule Merseburg an einem Forschungsprojekt zu antisemitischen Manifestationsformen und deren Funktionen im Kontext des Justizvollzugssystems beteiligt.  

Von Katinka Meyer

Mit Beginn der weltweiten Pandemie durch das Corona-Virus im Frühjahr 2020 war für viele die Welt aus den Fugen geraten: Tausende starben qualvolle Tode, Bilder von entkräfteten Pfleger*innen, überfüllten Leichenhäusern und verzweifelten Angehörigen dominierten die mediale Berichterstattung. Wie war eine solche Lage entstanden? Wer war dafür verantwortlich? Woher kam dieses Virus und wie verbreitete es sich?

Selbst Expert*innen hatten nicht auf alles eine Antwort, Annahmen mussten revidiert werden, politische Empfehlungen erwiesen sich als falsch. Kurz: Die gesamtgesellschaftliche Lage erschien unübersichtlich und gefahrenvoll. Es sind eben diese gesellschaftlichen Krisensituationen, die den idealen Nährboden für Verschwörungserzählungen bilden. 

Problemaufriss

Weltweit zirkulierten die fantastischsten Verschwörungsmythen: Erzählungen von gezielter Verbreitung des Virus zur Bevölkerungsdezimierung. Erzählungen von der Profitgier der Pharmaindustrie, die die Pandemie geplant habe, um Massenimpfungen durchführen zu können. Oder aber Fantasien über dem Impfstoff beigemengte Metallplättchen, die die Gedanken der Geimpften steuern würden. Alle diese Erzählungen gaben vor, Ursache und Wirkung der Pandemie erhellen zu können und verdunkelten sie damit. Mit viel Fantasie und bar jeder Vernunft wurden Geschichten erschaffen, die mit wissenschaftlichen Theorien nichts gemein hatten und für die der Begriff der Verschwörungstheorie gänzlich verworfen werden sollte. Es handelte sich vielmehr um Verschwörungserzählungen oder Verschwörungsmythen, die sich zu wahnhaften Vorstellungen steigern konnten.

Gerade in den sozialen Medien und  über Messengerdienste zirkulierten Falschmeldungen und Desinformation mit entsprechenden Fotomontagen, die millionenfach geklickt und weiterverbreitet wurden. Durch ihren emotionalisierenden Charakter entwickelten die Verschwörungserzählungen auch in Deutschland ein Mobilisierungspotential, das regelmäßig Tausende zu Demonstrationen auf die Straße brachte. Bundesweit waren gewalttätige Anschläge gegen Impfzentren und Hassnachrichten an vermeintliche Entscheidungsträger*innen die Folge. Der US-amerikanische Gründer von Microsoft und Milliardär Bill Gates und der in den USA lebende ungarisch-jüdische Philanthrop und Hedgefonds Manager George Soros wurden zu Zielscheiben auch von deutschen Impfgegner*innen. Ihnen wurde nachgesagt, das Virus entwickelt und verbreitet zu haben, die Politik zu steuern und somit Profit aus den »Massenimpfungen« zu ziehen. 

Schnell waren antisemitische Bilder reaktiviert, in denen Juden und Jüdinnen als im Geheimen agierende Urheber*innen oder Profiteur*innen der Pandemie ausgemacht wurden. Auf Protestveranstaltungen gegen die Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus setzten Demonstrant*innen in Deutschland die staatlichen Einschränkungen mit der Verfolgung von Anne Frank gleich. Gelbe Sterne mit dem Aufdruck »ungeimpft« stellten Analogien zwischen den virusbedingten Mobilitätseinschränkungen und der nationalsozialistischen Judenverfolgung her. Der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus zählte 284 Versammlungen für das Jahr 2020, auf denen antisemitische Aussagen getätigt oder pandemiebedingte Maßnahmen mit der nationalsozialistischen Judenverfolgung gleichgesetzt wurden (Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (2021).

Im Folgenden werden die Ursachen und Auswirkungen von Verschwörungserzählungen und die besondere Rolle, die Antisemitismus darin einnimmt, dargelegt. Auch wird der Frage nachgegangen, wie dies mit der Geschichte des Antisemitismus und dem Motiv der Weltverschwörung zusammenhängt.

Einen besonderen Fokus legt der Text auf die Situation in Gefängnissen und Inhaftierte in Deutschland. Inhaftierte gehören zu einer gesellschaftlich exkludierten, bildungsbenachteiligten Gruppe. Das Anne Frank Zentrum richtet ein besonderes Augenmerk auf diese marginalisierte Gruppe und entwickeln zielgruppenspezifische Angebote der historisch-politischen Bildung und Antisemitismusprävention. Die Angebote, die sich dezidiert dem Themenfeld der Verschwörungserzählungen widmen, werden abschließend vorgestellt.

In Gefängnissen

Der mediale Diskurs und die politische Mobilisierung ist seit März 2020 stark vom Coronavirus und entsprechenden Gegenmaßnahmen sowie von darum kreisenden Verschwörungserzählungen geprägt. Wie aber wirkte sich dies auf Menschen aus, die in dieser Zeit inhaftiert waren? Die also einen eingeschränkten Zugang zum Internet, zu Medien und Agitationen auf der Straße haben?

»Unsere Jungs debattieren viel darüber, woher das Virus kommt. Verschwörungserzählungen haben bei uns Hochkonjunktur«, so berichtete eine Lehrerin aus einem Berliner Gefängnis zu Beginn der Pandemie 2020.  »Irgendjemand hört von irgendwem eine Erklärung und dann geht die wie ein Lauffeuer durch die Häuser der Jugendanstalt.«

Mund-zu-Mund-Propaganda erhält einen ganz anderen Stellenwert, wenn facebook, twitter und Messengerdienste nur vereinzelt durch eingeschmuggelte Handys verfügbar sind. In jeder Erzählung steckt das Potenzial, weiter ausgeschmückt oder anderweitig verändert zu werden. Doch der Charakter der Verschwörungserzählungen ändert sich dadurch selten.

Verschwörungserzählungen setzen an gesellschaftlichen Problemlagen an. Sie nutzen die Verunsicherungen und Ängste der Menschen, indem sie diese in ihre Geschichten einweben und durch die Dramaturgie der Erzählung steigern. Sie vereinfachen die Komplexität gesellschaftlicher Wirklichkeit und leugnen die Widersprüchlichkeit verschiedener Interessen. Anstatt zu realisieren, dass in einer Gesellschaft viele Individuen mit unterschiedlichen Interessen und Zugängen zu Macht und Ressourcen Entscheidungen treffen, die sich entgegenstehen könnten, wird eine einflussreiche, im Geheimen agierende Elite imaginiert, die das Weltgeschehen lenke. Für den gesellschaftlichen Status quo werden also Einzelne als verantwortlich ausgemacht und häufig werden diese als Juden markiert. Antisemitismus und Verschwörungserzählungen sind also auf das engste aufeinander bezogen.

Verknüpfung von Antisemitismus und Verschwörungserzählungen

Schon seit Jahrtausenden werden Juden und Jüdinnen für gesellschaftliche Missstände verantwortlich gemacht. Kernelement des christlichen Antijudaismus war die Vorstellung, Juden und Jüdinnen hätten den Christusmord zu verschulden. Im Mittelalter wurden Juden und Jüdinnen beschuldigt, durch Brunnenvergiftungen die Pest ausgelöst zu haben. Die gefälschte Schrift »Die Protokolle der Weisen von Zion« gab zu Beginn des 20. Jahrhunderts an, ein Treffen von Juden und Jüdinnen zur  Übernahme der Weltherrschaft zu dokumentieren und zirkuliert bis heute in neurechten Kreisen, unter Ufolog*innen und  Esoteriker*innen, ebenso wie in Teilen der arabischen Welt. Die Nationalsozialist*innen hetzten gegen ein vermeintlich judeo-bolschewistische Komplott, das die gesamte Welt unterjochen wolle. Seit Ausbruch der Pandemie 2020 werden immer wieder Vorwürfe erhoben,  Juden und Jüdinnen würden das Corona-Virus absichtlich verbreiten bzw. die Gegenmaßnahmen lancieren. Am stärksten verbreitet ist vermutlich die Verknüpfung von Juden und Jüdinnen mit Geld – wie beispielsweise die Vorstellung, die jüdische Familie Rothschild würde die weltweiten Finanzmärkte beherrschen. Ob Juden eigentlich besonders reich seien, werden die Teamenden in den Seminaren in Justizvollzugsanstalten immer wieder gefragt.

All diese unhaltbaren Anschuldigungen eint, dass Juden und Jüdinnen als Sündenbock ausgemacht werden, die im Verborgenen agieren, denen eine außerordentliche Macht zugeschrieben wird und hinter denen eine teuflische Macht stehe. Die Vorstellung einer jüdischen Weltverschwörung ist der Kern des Antisemitismus und die Triebfeder der meisten Verschwörungserzählungen. 

Gleichwohl werden Juden und Jüdinnen nicht immer explizit als vermeintliche Drahtzieher*innen in einer Verschwörungserzählung genannt. Vielmehr können Chiffren wie »Israel« und »Elite« dazu dienen, eine antisemitische Äußerung als Kritik an einem Staat oder einer mächtigen Gruppe auszugeben. Die Sprecher*innen sind mitunter überzeugt davon, keine antisemitischen Inhalte zu transportieren, da sie nicht über Juden und Jüdinnen sprächen, sondern über Israelis, den Staat Israel oder eine mächtige Clique. Dennoch nutzen sie argumentativ althergebrachte antisemitische Stereotype und befeuern damit Verschwörungserzählungen. 

In der Antisemitismusforschung wird dies als »Umwegkommunikation« bezeichnet: Orientiert an den Regeln des öffentlichen Diskurses, der Antisemitismus ächtet, werden kommunikative Umwege, d.h. Chiffren und Codes, genutzt,  um die gleichen antisemitischen Inhalte zu verbreiten. So sind die im Internet verbreiteten Annahmen von Covid-19 als einem »israelischen Virus« und von Israel, das den Impfstoff kontrolliere und daraus Profit schlage, klassisch antisemitische Erzählungen einer jüdischen Weltverschwörung.

Selbst wenn Verschwörungserzählungen also nicht dezidiert antijüdisch argumentieren, folgen sie häufig einem Denkmuster, das antisemitisch interpretiert werden kann.

Funktionen von Verschwörungserzählungen

Ob für die Inhaftierten oder diejenigen außerhalb der Gefängnismauer übernehmen Verschwörungserzählungen eine stabilisierende Funktion: Die Welt wird vermeintlich verstehbar. Der Glaube an eine Verschwörung lässt die Welt polarisiert erscheinen: Es gibt vermeintlich richtige oder falsche Interessen und vermeintlich gute oder böse Menschen(gruppen). Dementsprechend kommt es auf die Entscheidung für die »gute Seite« und »die richtigen Verbündete an«. Wer an solche Verschwörungserzählungen glaubt, sieht sich selbst häufig als »Wissender« und stellt sich der Gruppe der unwissenden »Schlafschafe« gegenüber. 

Diverse Ereignisse scheinen miteinander in Verbindung zu stehen und einem geheimen Plan zu folgen. Wunderlichste Erklärungen für vermeintliche Ursprünge von und Verbindungen zwischen Ereignissen werden auch trotz wissenschaftlicher Widerlegung aufrechterhalten, vielmehr gelten Gegenbeweise als Zeichen der Verblendung. 

Über die Zugehörigkeit zur Gruppe der »Wissenden« lässt sich, darauf weisen Psycholog*innen hin, der Selbstwert des Gruppenmitglieds steigern. Insbesondere in Situationen, die mit einer persönlichen Ohnmachtserfahrung einhergehen, wie dies für Menschen in Haft zutrifft, kann der Glaube, zu den »Wissenden« zu gehören, attraktiv sein. Die Unsicherheit angesichts beängstigender Verhältnisse lässt sich in Wut gegen vermeintlich Schuldige verwandeln. Aus Passivität wird Aktivität: schimpfen und anklagen, oder ohne Freiheitsentzug: demonstrieren, Parolen schreien, Fahnen schwenken oder gar den Bundestag stürmen. Ein zuvor wahrgenommenes Gefühl von Kontrollverlust lässt sich in den Momenten kollektiver Selbstwirksamkeit überwinden. Diese gemeinschaftlichen Eruptionen angestauter Wut und Angst sind psychologisch – und politisch – nicht zu unterschätzen.  Diese gemeinsamen Erfahrungen entfalten ein erhebliches politisches Mobilisierungspotenzial.

Ohne Frage bleiben strukturelle Macht- und Ungleichheitsverhältnisse davon unberührt. Unsichtbar gemacht werden dadurch politische und wirtschaftliche Akteur*innen und ihre Handlungsspielräume. Ausgeblendet werden ebenfalls gesellschaftliche Kontroversen. 

Soziologische Studien können für verschiedene Kontexte zeigen, dass bei Gruppen, deren Selbstwert und Gruppenzugehörigkeit sich aus einer starken Abgrenzungen nach außen konstituiert, Schließungsmechanismen auch nach innen wirksam sind: Unweigerlich müssen abweichende Meinungen und Personen ausgegrenzt und zum Schweigen gebracht werden. Der Druck nach innen erzeugt ein hohes Maß an Konformität. Diese nach innen gerichteten Schließungsprozesse lassen sich in den sozialen Medien auch im verschwörungsideologischen Milieu verfolgen. Andersdenkende und Zweifelnde werden gelöscht, bei Facebook »entfreundet«, beschimpft oder als »Abweichler« mit Shitstorms überzogen. 

Diese Abgrenzung trifft Kritiker*innen des Verschwörungsdenkens umso härter: Die Wissenschaftlerin Pia Lamberty erhielt nach der Veröffentlichung ihres Buches »Fake Facts. Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen« Emails und Briefe voller Hass und Aggression bis hin zu (sexualisierten) Gewaltandrohungen. Die Angst vor weiteren, auch körperlichen Angriffen ist seither Teil ihres Alltags (Groß; Lamberty 2021).

Dabei ist Verschwörungsglaube kein Phänomen des gesellschaftlichen Randes, wie die hohen Teilnehmendenzahlen auf Demonstrationen von Corona-Leugner*innen zeigten. Die Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung weist 2021 darauf hin, dass Verschwörungsmentalität weit verbreitet sei und mehr als jede*r Fünfte der Aussage zustimme, »Politiker und andere Führungspersönlichkeiten sind nur Marionetten dahinterstehender Mächte« (Zick; Küpper 2021). Angehörige von Verschwörungsmythen sind jedoch keine paranoide Minderheit; Paranoia zeichnet sich im Gegensatz zu Verschwörungsdenken dadurch aus, dass die Erkrankten den Eindruck haben, die gesamte Welt habe sich gegen sie verschworen. Verschwörungsdenker*innen hingegen schreiben diese Allmacht einer kleinen Gruppe von Menschen, einer Elite, zu. Sozialpsychologische Studien weisen darauf hin, dass Verschwörungsdenken weder eine pathologische Störung ist noch sich ein Zusammenhang zwischen Intelligenz und Verschwörungsdenken konstatieren lässt (Nocun; Lamberty 2020). Eine Affinität zu Verschwörungsdenken ist über alle Bevölkerungsschichten verteilt. Die Antisemitismusforscherin Juliane Wetzel stellt fest, dass »ein solches Verschwörungsdenken […] nicht auf bestimmte politische Lager oder Schichten begrenzt [ist], es kann ebenso im Diskurs intellektueller Eliten wie an Stammtischen auftreten, es kann Bestandteil volkskultureller Narrative genauso sein wie der Erzählkultur des Bildungsbürgertums« (Wetzel 2020).

Ein klarer Zusammenhang lässt sich jedoch zwischen einer hohen Neigung zu Verschwörungsmythen und stark ausgeprägten antisemitischen Einstellungen feststellen (Zeglovits; Dawid; Schreder;  u.a. 2021).

Dieser Zusammenhang ist nicht zufällig.

Was tun? Bildungsarbeit gegen Verschwörungserzählungen

Überzeugte Verschwörungsideolog*innen sind gegen Kritik immun und durch Diskussion nicht zum Umdenken zu bewegen. Nicht immer stehen aber feste ideologische Ansichten hinter geäußerten Verschwörungserzählungen. Wenn Inhaftierte in den Seminaren verschwörungsideologische oder antisemitische Fragmente nutzen, um sich die Welt zu erklären, dann eröffnet dies Möglichkeiten zur Intervention: 

Als politische Bildner*innen können wir an diesen Erklärungsversuchen ansetzen. Wir können politische Prozesse verstehbar machen, gesellschaftliche Krisen gemeinsam analysieren und so dazu beitragen, Verschwörungserzählungen die Basis zu entziehen. Menschen mit Verschwörungsideen wieder in den gemeinsamen Diskurs zu bringen, ist kein einfaches Unterfangen.

Umso schwieriger ist es im Gefängnis. Denn im Kontext des Strafvollzugs sind bereits allgemeine Angebote der politischen Vermittlung eine Seltenheit. Eine Studie der Hochschule Merseburg aus dem Jahr 2020 weist darauf hin, dass Inhaftierte bereits vor ihrer Haft vielfach benachteiligt sind. Ihre Lebensläufe verlaufen schon vor der Inhaftierung oftmals diskontinuierlich und sind von (Ab-) Brüchen ihrer Bildungslaufbahn gekennzeichnet. Als Inhaftierte sind sie oftmals weiterhin abgeschnitten von Möglichkeiten politischen Bildung und Partizipation. [1]

Soll die Haft ihrem Anspruch nach zur Resozialisierung und Reintegration in die Gesellschaft beitragen, ist die Vermittlung von politischer Bildung, demokratischen Grundprinzipien und Medienkompetenz elementar. Je stärker Menschen von Bildungsprozessen ausgeschlossen waren, umso wichtiger sind ermächtigende Perspektiven, die es Inhaftierten ermöglichen, Selbstwirksamkeit zu erfahren, verschiedene Perspektiven einzunehmen und abzuwägen, eigene Vorannahmen zu reflektieren, einfache Lösungsvorschläge zur Krisenbewältigung zu hinterfragen und im besten Falle auch gegenüber Mitgefangenen eine kritische Perspektive zu vertreten, wenn diese Verschwörungsdenken reproduzieren.

Hierfür hat das Anne Frank Zentrum Bildungsmaterial für Gruppen oder den individuellen Einsatz entwickelt. Es ist auf die Zielgruppe der Inhaftierten zugeschnitten: Der Ansatz ist auch für Menschen mit wenig formaler Bildung geeignet und sowohl an der Lebenswelt der Inhaftierten als auch aktuellen Debatten orientiert.

»Das Kurierkomplott«

Das digitale Lernangebot für (junge) Erwachsene ermöglicht eine spielerische Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Verschwörungsmythen: Indem die Spielenden in den Alltag von Kurierfahrer*innen mitgenommen werden, erfahren sie auf ihrer Suche nach der Wahrheit zielgruppengerecht Funktionen und Folgen der Verbreitung von Fake Newsund Verschwörungserzählungen. In Gruppenchats werden sie mit Verschwörungsideologien konfrontiert und müssen Stellung beziehen, auf Demonstrationen geraten sie mit der Polizei aneinander und lernen zugleich Perspektiven von Gegendemonstrant*innen kennen. Dabei wird auch der Frage nachgegangen, warum Antisemitismus eine zentrale Rolle in Verschwörungserzählungen einnimmt.

Das Online-Spiel ist an den meisten deutschen und österreichischen Justizvollzugsanstalten zugänglich und über die Plattform E-Learning im Strafvollzug (elis) des Instituts für Lernen in der Informationsgesellschaft in Kooperation mit der Technischen Universität Berlin erreichbar. Es kann ein geeigneter Ausgangspunkt für die schulische Beschäftigung mit Verschwörungserzählungen sein.

Workshop zu Verschwörungserzählungen

Der Workshop ist ein Angebot für eine Gruppe von (jungen) Inhaftierten, die sich gemeinsam mit Mitarbeiter*innen des Anne Frank Zentrums für einen halben Tag mit dem Thema Verschwörungserzählungen beschäftigen möchten.

Aufbauend auf ihrem Vorwissen entwickeln die Teilnehmenden neue Perspektiven auf ihre Medienkompetenz. Anhand der Fragen, wie sie gesellschaftliche Probleme erklären und woher sie Informationen erhalten, entwickeln sie erste Ideen dazu, wie Fake News von seriösen Nachrichten zu unterscheiden und woher Informationen zum Debunking, dem Aufdecken von Falschinformationen, zu finden sind. Ziel des Workshops ist es jedoch nicht, die einzelnen Verschwörungsmythen zu widerlegen. Vielmehr vermittelt der Workshop das Werkzeug, die Verschwörungserzählungen als solche zu erkennen und sich gegen diese einsetzen zu können. So kommen die Teilnehmenden anhand von realen Beispielen, die aktuell in den sozialen Medien besonders dominant sind, über die Merkmale von Verschwörungserzählungen und die sozialen Folgen ins Gespräch. Sie erproben in Rollenspielen, wie sie sich in Konfrontation mit Anhänger*innen von Verschwörungserzählungen gegen die Mythen positionieren und das erworbene Wissen anwenden können.

Der Workshop umfasst vier Stunden, richtet sich an bis zu zwölf Inhaftierte und kann sowohl als Vertiefung der Arbeit mit Peer Guides der Wanderausstellung »Lasst mich ich selbst sein. Die Anne Franks Lebensgeschichte« als auch davon unabhängig gebucht werden.

Mit der Bildungsarbeit gegen Verschwörungserzählungen trägt das Anne Frank Zentrum zu einer Sensibilisierung für Kontinuitäten sowie aktuelle Erscheinungsformen des Antisemitismus bei. Um Antisemitismus und generell Diskriminierung zu bearbeiten, braucht es Lernräume, in denen Vertrauensverhältnisse zwischen Inhaftierten und Lehrenden entstehen, um Stereotype und Vorurteile zu reflektieren und abzubauen. Insofern ist die Arbeit gegen Antisemitismus immer auch eine Beziehungsarbeit und eine Frage diversitätssensibler Haltung.

Literatur

Jens Borchert, Jens; Maren Jütz; Diana Beyer (2020): Politische Bildung im Jugendstrafvollzug. Angebote, Bedarfe und Leerstellen, Weinheim: Beltz.

Groß, Antonia; Pia Lamberty (2021): „Eine Strafanzeige kann ein Sicherheitsrisiko sein“. In: https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/pia-lamberty-fake-facts-digitale-gewalt-gegen-frauen-antisemitismus-li.165707 (zuletzt eingesehen 2.8.2021).

Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (2021): Jahresbericht: Antisemitische Vorfälle in Deutschland 2020, Berlin.

Andreas Zick / Beate Küpper (2021): Die geforderte Mitte. Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2020/21. Hg. für die Friedrich-Ebert-Stiftung v. Franziska Schröter, Bonn: Dietz.

Nocun, Katharina; Pia Lamberty (2020): Fake Facts. Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen, Köln: Quadriga.

Wetzel, Juliane (2020): Antisemitische Verschwörungstheorien. In: https://www.blz.bayern.de/meldung/antisemitische-verschwoerungstheorien.html (zuletzt eingesehen 2.8.2021).

Zeglovits, Eva; Evelyn Dawid; Lukas Schreder; Paul Unterhuber (2021): Antisemitismus 2020. Ergebnisanalyse im Überblick österreichrepräsentative Studie. Studie im Auftrag des österreichischen Parlaments, Wien. 

 


[1] Jens Borchert / Maren Jütz / Diana Beyer: Politische Bildung im Jugendstrafvollzug. Angebote, Bedarfe und Leerstellen, 2020.

 

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