Dialogue

Jugendliche im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die „MemoryBoxen“ – ein Bildungskonzept der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf

Hildegard Jakobs (geboren 1967) ist stellvertretende Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf. Sie entwickelte u.a. mit ihrem Team die Konzeption der Dauerausstellung. Anna Schlieck (geboren 1985) leitet die Bildungsarbeit der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf. Sie erarbeitete das Konzept der MemoryBoxen.

Von Hildegard Jakobs und Anna Schlieck

Die Düsseldorfer Gedenkstätte versteht sich als lokale Dokumentationsstätte zur Geschichte des Nationalsozialismus. Sie bietet – neben der Dauerausstellung, den Räumen für Sonderausstellungen, einem offenen Archiv und Bildungsarbeit – eine archivalische Sammlung und eine Forschungsbibliothek. Elementar für das Selbstverständnis waren und sind die vielfältigen Bildungsangebote. Die Zielgruppe ist breit gefächert, im Alter wie im Anreiseweg: Jugendliche ab zehn Jahren, Erwachsene und Senior*innen, aus Düsseldorf und der Region kommend, aber auch Besucher*innen aus dem In- und Ausland.

In der Geschichte der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf hatten von Beginn an die Begegnung und das Gespräch mit Zeitzeug*innen einen hohen Stellenwert. Dabei war nicht nur der direkte Austausch wichtig, sondern auch die biografische Dokumentation. Zu diesem Zwecke wurden seit 1987 fast 400 Interviews mit Zeitzeug*innen durchgeführt und aufgezeichnet. Von Beginn an standen Überlebende aus dem politischen Widerstand und verfolgte Düsseldorfer Jüdinnen*Juden, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Zwangsarbeiter*innen, Sinti*zze und Rom*nja sowie Verfolgte der kirchlichen Jugend im Fokus dieser Arbeit. 

Lebensläufe von Kindern und Jugendlichen

Das zentrale Narrativ der Dauerausstellung zeigt, wie der Nationalsozialismus in einem Spektrum zwischen Verführung und Verfolgung kindliche und jugendliche Lebensläufe veränderte, brach oder beeinflusste. Mit dieser Zielrichtung ist die Ausstellung auf ihre Hauptzielgruppe (Kinder und Jugendliche) hin ausgerichtet worden. Dies erfolgte aus der Überzeugung heraus, dass ein junges Publikum besonders gut durch biografische Beispiele von Kindern und Jugendlichen angesprochen wird. Die mögliche Anknüpfung an das eigene Alter, an eigene Erfahrungswelten und Entwicklungsschritte soll keine Identifikation, Gleichsetzung oder Kongruenz mit den Opfern anbieten, sondern einen zentralen Zugang zu deren „historischer“ Biografie. Dies bedeutet übrigens nicht, dass erwachsene Besucher*innen bei der Konzeption als Zielgruppe ausgeschlossen wurden. Denn: Kindheit und Jugend sind menschliche Grunderfahrungen. Alle jene, die die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf besuchen – Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Senior*innen – haben selbst diesen Erfahrungshorizont, entweder in ihrer derzeitigen Lebenssituation oder aber in ihrer persönlichen Vergangenheit. Die Kulturanthropologie spricht hier von einem „sozialen Totalphänomen“, also einem Grundmuster, das alle Menschen losgelöst von Geschlecht, Alter, sozialer Herkunft oder Religion gleichermaßen betrifft. Die für die Ausstellung ausgewählten Biografien von Düsseldorfer Kindern und Jugendlichen haben dementsprechend dieses Grundmuster als Gemeinsamkeit. Der differenzierende Blick auf diese Kindheiten zeigt jedoch, wie unterschiedlich die Kinder und Jugendlichen gelebt haben und wie verschieden sich ihre Lebenswege durch äußere Einflüsse und Zwänge, aber vor allem auch durch eigene Entscheidungen, Gewissenskonflikte und Handlungsmöglichkeiten verändert und entwickelt haben. 

Die Vielschichtigkeit im Blick

Bei der inhaltlichen Konzeption standen die Vielschichtigkeit von „Kindheit“ und „Jugend“ und die Multiperspektivität im Fokus: Die unnachgiebige Brutalität der NS-Ideologie nahm auch Kinder und Jugendliche in den Blick, wenn es um die „Reinheit der arischen Rasse“ ging. Wer über Jugend und Kindheit unter Hitler spricht, assoziiert zumeist die Hitlerjugend als staatliche Institution, als umfassende „Staatsjugend“. Doch das Spektrum dessen, was Kindheit und Jugend während der nationalsozialistischen Diktatur darstellt, ist weitaus größer und umfasst all jene, die im kindlichen oder jugendlichen Alter waren: ausgegrenzte Jugendliche, die aus „rassischen“ Gründen mitsamt ihren Eltern verfolgt wurden; Kinder aus dem kirchlichen Milieu; unangepasste, nonkonforme Jugendliche wie die „Edelweißpiraten“; Kinder und Jugendliche aus den Arbeitermilieus, die in kommunistischen oder sozialistischen Jugendverbänden organisiert waren; junge geistig oder körperlich behinderte Menschen; Jugendliche, die man der Homosexualität „beschuldigte“ oder als „asozial“ einstufte; jugendliche Bibelforscher*innen oder junge Zwangsarbeiter*innen; Kinder von Widerstandskämpfer*innen und wegen „Wehrkraftzersetzung“ Verhafteten, die man in Sippenhaft nahm oder sie in Kinderheime oder Pflegefamilien brachte. 

Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus in Düsseldorf hingen wesentlich vom sozialen und kulturellen gesellschaftlichen Milieu ab, in dem die Kinder und Jugendlichen aufwuchsen. Für die Kinder politisch Verfolgter waren soziale Abstürze ebenso wie Zerschlagung ihrer Vereine und Gruppen sofort spürbar. Sie reichten in der Regel in ihre Jugend und in ihre Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten hinein und blieben nicht ohne Folgen für ihre weitere Zukunft. Die Kinder „rassisch“ Verfolgter waren ebenso wie ihre Eltern von den Maßnahmen der rassistischen Politik betroffen. Halt fanden sie entweder in Jugendgruppen oder engeren Milieus der eigenen Gruppe oder in der Familie. Für viele der damals Heranwachsenden waren Erfahrungen von Ausgeschlossenwerden und Fremdsein noch die harmlosesten, die tagtägliche Bedrohung durch Hunger, Zwangsarbeit, Übergriffe, Krankheiten bis hin zur Lebensbedrohung in Ghettos und Lagern prägend – soweit sie überlebten. 

Kinder und Jugendliche waren jedoch nur aufgrund ihres Alters keine passive Verfügungsmasse anonymer Herrschaftsstrukturen. Sie machten vielmehr die Erfahrung, dass das eigene Handeln und/oder das Handeln von Menschen des engeren sozialen oder familiären Umfelds von individuellen Entscheidungen geprägt wurden. Biografien von Kindern sind meistens nicht ohne das „Schicksal“ ihrer (erwachsenen) Familienangehörigen (Eltern, Verwandte) darzustellen. Wer aber verfolgt wurde, wer überlebte, wer wie in der nationalsozialistischen Diktatur leben konnte, entschieden nicht nur Gesetze oder Zwangsmaßnahmen, sondern hing oftmals von Zufällen, von Retter*innen und Helfer*innen, von Nachbar*innen und Freund*innen, von Verräter*innen, Denunziant*innen und Täter*innen ab – also von konkret zu benennenden Akteur*innen der Geschichte, wobei Kinder und Jugendliche selbst zu diesem Kreis der Akteur*innen zählten und teilweise Kategorien wie „Geschichte“ und „Biografie“ mitunter selbst gestalten oder verändern konnten. 

Multiperspektivische Bildungsarbeit

Die vielschichtige Darstellung der Biografien, der multiperspektivische Blick und nicht zuletzt die unmittelbare Verbindung zur Düsseldorfer Ortsgeschichte bilden die Grundlage des vielseitigen Bildungsangebots der Mahn- und Gedenkstätte – insbesondere für Kinder und Jugendliche. Neben historischen Stadtführungen und Stolpersteinrundgängen wurde ein weiteres Format konzipiert, das vielfältige und vertiefende Zugänge zu den in der Ausstellung präsentierten Lebensläufen ermöglicht. 

Seit 2015 wurden zu den Biografien von Ruth, Tom, Lotte, Paul, Werner, Willi und weiteren Kindern und Jugendlichen verschiedene „MemoryBoxen“ entwickelt. In jeder Box befinden sich eine Auswahl an Gegenständen, Dokumenten und Fotografien sowie vier verschiedene Aufgaben, die Kinder und Jugendliche zur gemeinsamen biografischen Recherche im Team anleiten. 

Die MemoryBoxen basieren auf den Prinzipien des Entdeckens und des Zuordnens von Inhalten: Ähnlich wie bei dem bekannten Gesellschaftsspiel „Memory“ geht es darum, zu jedem der Gegenstände aus einer Box ein passendes Pendant in der jeweiligen Lebensgeschichte zu finden. Während sich einige Gegenstände vergleichsweise einfach bestimmten Fotografien, Dokumenten oder beschriebenen Ereignissen auf den Biografie-Stelen in der Ausstellung zuordnen lassen, sind andere Gegenstände nicht eindeutig – ein singuläres „Richtig“ oder ein endgültiges „Falsch“ gibt es nicht. Diese irritierenden Objekte bieten somit einen Raum für individuelle Deutungen – einen Freiraum für Assoziationen und persönliche Annäherung.

Die Inhalte der MemoryBoxen wirken darüber hinaus aber auch als Erinnerungen, als persönliche Impulse im Gruppengespräch, als Symbole eigener Eindrücke und Gedanken in einem partizipativen Prozess historischen Lernens. Die Tatsache, dass es sich bei den Inhalten der MemoryBoxen um haptische Gegenstände, um greifbare, aus dem Alltag bekannte Dinge handelt, erleichtert es den Schüler*innen, sich den Lebensgeschichten anzunähern. 

Als drittes Element beinhaltet die MemoryBox auch eine Form eines aktiven Gedenkens. Dies ist natürlich insbesondere bei den Kindern und Jugendlichen der Fall, die die NS-Zeit nicht überlebt haben.

Ein Beispiel aus der Praxis

Das Angebot für Kinder und Jugendliche erhebt nicht den Anspruch, einen Überblick über den Nationalsozialismus als Gesamtphänomen zu verschaffen. Es geht nicht darum, reines Wissen zu ereignisgeschichtlichen Prozessen wie der ‚Machtergreifung‘ oder der Erniedrigung und Ermordung von Menschen in den Arbeits- und Konzentrationslagern zu vermitteln. Es liegt der Fokus darauf, der Lerngruppe die Geschichten von Kindern und Jugendlichen vorzustellen, die ihre Kindheit in den 1930er Jahren in Düsseldorf verbracht haben – zum Beispiel Lotte, Willi und Werner. Die Lebensgeschichten der drei werden in der Dauerausstellung präsentiert. Drei Biografie-Stelen, an denen eine Vielzahl von Fotografien, Interviewausschnitte und einzelne Objekte zu sehen sind, stellen den Ausgangspunkt des Angebots dar.

Die Geschichten von Lotte, Willi und Werner

Lotte – Die Demokratie mitgestalten

Lotte wächst in einem sozialdemokratischen Haushalt in Düsseldorf auf. Hier lernte die 1914 geborene Lotte, aktiv Verantwortung für eine demokratische Gesellschaft zu übernehmen. Dies wurde durch ihre Sommeraufenthalte in den „Kinderrepubliken“ verstärkt. Mit vierzehn trat sie der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) bei und war ab 1932 Mitglied der SPD. Als die Nazis an die Macht kommen, beschließt sie, aktiv Widerstand zu leisten. Sie verteilt mit ihrem späteren Mann Flugblätter. Sie überlebt die NS-Zeit und wird nach dem Krieg SPD-Abgeordnete in der Stadt und auf Landesebene.

Willi – Ein Jahr auf 10 Quadratmetern               

Der 17-jährige Willi wird 1933 bei der Razzia im kommunistisch geprägten Arbeiterviertel Düsseldorf-Gerresheim verhaftet und misshandelt. Nach der Freilassung geht er in den Widerstand. Von Februar 1935 bis zum Frühjahr 1936 wurde der 20-jährige Willi Kutz im Untersuchungsgefängnis „Ulmer Höh’“ in Düsseldorf festgehalten. Das bedeutete über 365 Tage Haft in einem kleinen Raum. Willi zeichnete den Blick vom vergitterten Fenster auf das zentrale Element seiner Zelle: die Tür nach draußen. Die langen Stunden versuchte er mit Lesen auszufüllen. Auf einem Zettel hat er alle Bücher vermerkt, die er in seiner Haftzeit gelesen hat: neben Klassikern wie Goethe und Schiller und Werken der Zeit auch ein besonderes Buch für ihn und seine Situation: „Der Graf von Monte Christo“ von Alexandre Dumas.

Werner – Zusammenhalt trotz massiven Drucks

Im Frühjahr 1942 wird der 17-jährige Werner verhaftet. Er und seine Freund*innen hatten sich geweigert, der HJ beizutreten. Doch die Verhöre der Gestapo bleiben folgenlos, weil alle „dicht“ halten und nichts von den Widerstandsaktionen der Gruppe verraten. Es bleibt bei einer Verwarnung und einer öffentlichen Demütigung: Allen verhafteten Jugendlichen wird das Haar abrasiert. „Das Ganze war natürlich sehr geschickt von der Gestapo, denn die Glatze, das war fast ein Judenstern. Freiwillig rasiert sich ja niemand so. Dadurch wussten die Leute gleich, dass es sich um jemanden handeln musste, der bei der Gestapo unangenehm aufgefallen war.“ Werner und seine Freund*innen machen trotzdem weiter. 

In der Praxis

Nach der Begrüßung und einer ersten Orientierung geht die Lerngruppe aufgeteilt in drei Gruppen auf die Suche nach den jeweiligen Biografien in der Dauerausstellung. Laminierte Suchausschnitte, auf denen ein Detail des Porträtfotos zu sehen ist, helfen dabei. Im Sitzkreis um die Stele von Willi herum geht es im nächsten Schritt darum, die erste der drei Geschichten gemeinsam, d.h. im Dialog zwischen dem Gedenkstättenteam und der Gruppe, zu erzählen. In der MemoryBox werden hierzu fünf verschiedene Gegenstände, die auf den ersten Blick keine direkte Verbindung zur Lebensgeschichte von Willi besitzen, angeboten: ein Erste-Hilfe-Set, ein Buch (Der Graf von Monte Christo) und ein kleiner Kaninchenstall. 

Nun beschäftigt sich die Gruppe gemeinsam mit der Lebensgeschichte von Willi. Dabei sollen die Gegenstände aus der MemoryBox den Ereignissen der Lebensgeschichte zugeordnet werden – wer eine Idee hat, stellt diese vor und die Gruppe entscheidet, ob diese Zuordnung passend ist oder eher nicht. Bewusst sind die Gegenstände in den Boxen so ausgewählt, dass sie vielfältig zugeordnet werden können. So kann beispielsweise der Kaninchenstall ein Hinweis darauf sein, dass Willi verbotene Dokumente der KPD im Schrebergarten der Familie vergraben hat. Das Erste-Hilfe-Set kann mit der brutalen Verhaftung von Willi verbunden werden (ihm wurde die Nase gebrochen). Genauso überzeugend erscheint aber auch die Zuordnung einer jungen Teilnehmerin, die das Erste-Hilfe-Set generell mit dem Widerstand gegen die Nationalsozialisten (Erste Hilfe gegen Rechtsradikalismus) verbunden hat. Danach erfolgt die Beschäftigung mit der Biografie Lottes und Werners nach dem gleichen Muster.

Ideen, Motive, Ziele: Konzeptionelle Überlegungen

Während des Besuchs der Lerngruppe in der Gedenkstätte wird deutlich, dass sich die Kinder und Jugendlichen je nach Alter den Biografien annähern. Die jüngeren sind oft sehr unvoreingenommen und offen. Ältere Schüler*innen differenzieren schon mehr und vertiefen sich in die zusätzlichen Dokumente. Alle blicken auf den inneren Handlungsrahmen der Geschichten, d.h. sie versuchen, das Handeln der Kinder und Jugendlichen und auch das ihrer Familien nachzuvollziehen und einzuordnen. An welchem Punkt hat sich Willi entschieden in den Widerstand zu gehen? Warum war Lottes Entscheidung sehr stark geprägt von ihren Eltern? Warum wollte Werner nicht in die Hitlerjugend?

Im gemeinsamen Gespräch wird diskutiert, ob es für die drei Jugendlichen und ihre Familien Alternativen gegeben hätte. Durch die Auswahl dieser drei Lebensgeschichten aus dem Widerstand – alle drei überlebten die nationalsozialistische Zeit und unterstützten die Arbeit der Gedenkstätte lange Jahre als Zeitzeug*innen – wird im Angebot vor allen für jüngere Schüler*innen eine positive Richtung gezielt ausgewählt. Außerdem soll deutlich werden, dass sowohl Jungen als auch Mädchen eine aktive Entscheidung für den Gang in den Widerstand wählten. Bei diesen drei Biografien wird klar, dass sich Willi, Lotte und Werner nicht als Opfer eines diktatorischen Regimes empfanden, sondern aktiv etwas dagegenstellen wollten.

 

 

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