Michael Papendick ist Psychologe (M. Sc.) und Psychologischer Psychotherapeut. Er koordiniert die MEMO-Studien am IKG und forscht seit 2018 zu Erinnerungskultur, kollektiver Erinnerung und Geschichtsrevisionismus, seit 2020 auch im Kontext des vom BMBF geförderten Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ).

Von Michael Papendick

Die MEMO-Studien werden seit 2017 von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) gefördert und durch das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld koordiniert. Bisher sind im MEMO-Projekt die Ergebnisse von vier repräsentativen empirischen Untersuchungen zur deutschen Erinnerungskultur veröffentlicht worden, wobei der Fokus dieser Studien auf der gesellschaftlichen Erinnerung an und Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus liegt. Das Akronym MEMO steht für den „Multidimensionalen Erinnerungsmonitor“. Die Multidimensionalität in der Untersuchungsanlage bezieht sich dabei auf die verschiedenen Dimensionen des Erinnerns und der Auseinandersetzung, die in den Studien betrachtet werden. MEMO untersucht sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene, waserinnert wird (z.B. konkrete historische Ereignisse, Opfergruppen des Nationalsozialismus oder Wissen über die eigene Familiengeschichte),wieerinnert wird (z.B. welche Wege und Orte der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit genutzt werden), welcheEinstellungen und Emotionen Befragte in Bezug auf die deutsche NS-Vergangenheit berichten und in welchem Zusammenhang die Auseinandersetzung mit der Geschichte mit Einstellungen zu gesellschaftspolitischen Themen in der Gegenwart steht.

Die erhobenen Daten erlauben dabei auch Zusammenhänge mit demographischen Faktoren und verschiedenen Einstellungsmustern zu überprüfen. So lässt sich beispielsweise untersuchen, inwiefern bestimmte Zugänge und Einstellungen zur deutschen NS-Vergangenheit sich generational unterscheiden und in welchem Zusammenhang sie mit dem Glauben an Verschwörungserzählungen in der Gegenwart stehen. Dadurch, dass einzelne Fragen in den MEMO-Studien wiederholt, d.h. in aufeinanderfolgenden Befragungen gestellt werden, ermöglichen die Studien perspektivisch auch Aussagen über Entwicklungsverläufe und Veränderungen. Eine solche empirische Perspektive auf die deutsche Erinnerungskultur scheint gegenwärtig nicht bloß theoretisch relevant. Nach der Konzeption des kommunikativen und kulturellen Gedächtnisses als Subkomponenten einer geteilten kollektiven Erinnerung nach Assmann (1992) befinden wir uns aktuell in einer erinnerungskulturellen Umbruchphase. Durch die zunehmende zeitliche Distanz und gesellschaftliche Entwicklungen wie das Versterben der letzten Zeitzeug*innen der NS-Zeit stehen wir vor dem vermeintlichen Ende der kommunikativen Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus und vor der Herausforderung, die Erinnerung an und Auseinandersetzung mit diesen Verbrechen aufrechtzuerhalten. Eine Analyse des „Zustands“ der deutschen Erinnerungskultur scheint vor diesem Hintergrund umso relevanter. Ziel der MEMO-Studien war und ist es, einen empirischen Beitrag zu den gesellschaftlichen und politischen Diskursen über Gegenwart und Zukunft der Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus zu leisten.

Methodisch handelt es sich bei den MEMO-Studien um repräsentative Telefonbefragungen. Die Repräsentativität bezieht sich dabei auf die deutsche Wohnbevölkerung im Alter ab 16 Jahren. Um die Unabhängigkeit der Befragungen und eine hohe Datenqualität zu gewährleisten, werden die telefonischen Befragungen, die den MEMO-Studien zugrunde liegen, von professionellen Umfrageinstituten durchgeführt. Im Rahmen der Untersuchungen werden jeweils 1.000 zufällig ausgewählte Personen aus allen Bundesländern mittels standardisierter computergestützter Interviews von geschulten Interviewer*innen befragt. Die Teilnahme an den Befragungen ist anonym und freiwillig.Die Teilnehmer*innen können die Befragungen jederzeit auf eigenen Wunsch beenden. In den durchschnittlich 25-minütigen Interviews beantworten die Befragten offene und geschlossene Fragen aus den Themenkomplexen der Erinnerungskultur, der NS-Geschichte und aktueller gesellschaftspolitischer Debatten. Die Ergebnisse der Befragungen werden jeweils in Berichtsform in deutscher und englischer Sprache aufbereitet und veröffentlicht. Alle bisherigen MEMO-Studien sind über die Homepage der Stiftung EVZ frei zugänglich.In den Berichten sind die Ergebnisse der jeweiligen Befragung vollständig dargestellt und inhaltlich eingebettet.

Inhaltlich umfassen die MEMO-Studien eine Vielzahl von Themen, in der Regel mit direktem Bezug zur gesellschaftlichen Erinnerung an und Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus. In die Vor- und Nachbereitung der bisherigen Studien wurden jeweils Expert*innen aus der Erforschung und Praxis der Erinnerungskultur eingebunden, darunter Forscher*innen aus den Geschichts-, Erziehungs- und anderen Sozialwissenschaften, Mitarbeiter*innen von Gedenkstätten und -orten und weiterer historisch-politischer Bildungseinrichtungen sowie Vertreter*innen des Zentralrats der Juden in Deutschland. Insgesamt haben bisher etwa 70 Expert*innen an den MEMO-Studien mitgewirkt. In gemeinsamen Workshops wurden die Studienergebnisse kritisch reflektiert und mögliche Themenschwerpunkte für Folgebefragungen erarbeitet. Durch die stetige Veränderung des Erhebungsinstruments greifen die bisherigen MEMO-Studien verschiedene Facetten der NS-Erinnerungskultur auf. Sie erheben dabei nicht den Anspruch, die deutsche Erinnerungskultur im Sinne eines singulären Phänomens in Vollständigkeit abzubilden. Bisherige Themenschwerpunkte waren unter anderem das Wissen über die Opfergruppen des Nationalsozialismus, die Nutzung verschiedener Zugänge zur Auseinandersetzung mit dem Thema, die Kontexte und Wahrnehmungen von Gedenkstättenbesuchen sowie die vorherrschenden Narrative über die Verstrickung der deutschen Bevölkerung und der eigenen Vorfahren. Die erhobenen Daten stellen die Grundlage für mögliche weitergehende Analysen zu spezifischen Fragestellungen dar. Auch bieten die Daten sich zur Anwendung in Kontexten der historisch-politischen Bildung an und können genutzt werden, um Diskussionen und Reflexionsprozesse anzustoßen. Im Spätsommer 2021 begann im Rahmen des MEMO-Projekts zudem eine gezielte Online-Befragung junger Erwachsener zwischen 16 und 25 Jahren. Diese werden mit einem zeitlichen Abstand von zwölf Monaten zweimalig und vertiefend zu Aspekten der deutschen Erinnerungskultur und ihrer persönlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte befragt. Die Ergebnisse dieser Untersuchung werden voraussichtlich Ende 2022 veröffentlicht.

In der vorliegenden Ausgabe des LaG-Magazins diskutieren Expert*innen auf der Grundlage von MEMO I-IV gesellschaftspolitisch relevante Fragen der Erinnerungskultur und werfen dabei auch einen kritischen Blick auf die Studien und die Möglichkeiten und Grenzen sozialwissenschaftlicher Forschung. 

Literatur

Jan Assmann (1992): Das kulturelle Gedächtnis: Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen.

 

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