Dialogue

Leselust für Kinder und Jugendliche: Angebote der Bibliothek des Jüdischen Museums Frankfurt für Schulklassen und Kindergartenkinder

Sophie Schmidt gestaltet die Schulklassenangebote in der Museumsbibliothek des Jüdischen Museums Frankfurt und das Grundschulprogramm. Als Lehrerin für Englisch und Gesellschaftslehre / Politik und Wirtschaft war sie von 2015 bis 2019 an das Pädagogische Zentrum und ist seit 2019 ans Jüdische Museum abgeordnet.

Von Sophie Schmidt 

Warum Literaturangebote in einem Museum? 

Die Dauerausstellung des Jüdischen Museums Frankfurt erzählt Geschichte und Gegenwart in Geschichten anhand von Objekten. Diverse jüdische Perspektiven stehen nebeneinander, sodass ihre Vielheit erfahrbar wird. Die Literaturangebote der Museumsbibliothek für Kinder und Jugendliche flankieren diesen Ansatz, indem sie ausgehend von fiktiven Geschichten einen weiteren Zugang zur Auseinandersetzung mit dem Judentum ermöglichen. 

Fiktionale Literatur lädt ein zum Hineindenken und Einfühlen in andere Welten. Imaginations- und Identifikationsangebote mit fiktiven Protagonist*innen eröffnen den Lesenden Perspektiven, Deutungsmöglichkeiten und Verstehensebenen, die ihnen sonst eher verschlossen blieben. Ferner können gleichberechtigtes, demokratisches Zusammenleben in einer diversen Gesellschaft vorausgedacht und nachvollzogen sowie Ungleichheitsverhältnisse und Machtstrukturen exemplarisch analysiert werden. Fiktionale Literatur lässt tiefe Einblicke in individuelle Handlungsmöglichkeiten, -strategien und Denkweisen zu und kann somit auch das faktenbasierte historische Lernen ergänzen. Historische Lernprozesse werden möglich, wenn untersucht wird, inwiefern die fiktive Erzählung auf die reale Vergangenheit bezogen ist und somit zu einem reflektierten Umgang mit historischen Romanen angeregt wird (vgl. Rox-Helmer 2006, S. 18).

Bezogen auf historische Lernprozesse über die Schoa stellen gesellschaftlich erwartetes Sprechen und vorbestimmte Deutungen und Lehren ein Problem dar. Literarische Interpretationen und damit Aktualisierungen der Schoa können den Zugang für Jugendliche erleichtern, um selbständig über die Bedeutung für die Gegenwart neu zu verhandeln (vgl. Feuchert 2015, S. 439). So partizipieren sie aktiv an geschichtskulturellen Aushandlungsprozessen.

Lesen in der Bibliothek – Erkunden in der Ausstellung

Den Schwerpunkt der Angebote bilden zwei- bis vierstündige Workshops, für die wir Literatur ausgewählt haben, sodass die Ausstellung zur Auseinandersetzung mit dem Gelesenen beitragen kann. Die Kinderstationen in der Dauerausstellung und ergänzende Materialboxen (noch im Aufbau), die nach Interessen und Komplexität differenzierende Zugänge ermöglichen, befähigen diverse Schüler*innengruppen unterschiedlichen Alters, die Dauerausstellung selbstständig für ihre Erkundung zu nutzen.

So wie wir Literatur und Ausstellung verknüpfen, verbinden wir auch die Räumlichkeiten, in denen die Workshops stattfinden. Sie beginnen und enden in der Georg Heuberger Museumsbibliothek, die sich im Lichtbau, dem architektonisch herausragenden Neubau des Museums, befindet. Sie ist Fachbibliothek zur Geschichte, Religion und Kultur des Judentums, für Forschende stehen Arbeitsplätze zur Verfügung. Gleichzeitig ist sie auch öffentliche Bibliothek und hat daher dieselben Öffnungszeiten wie das Museum. Die freundliche Atmosphäre des mit Eschenholz verkleideten Lesesaals mit einem großen Fenster zur Stadt hin und die grünen und blauen Sessel und Sofas machen Lust zum Verweilen. Der neue Sammlungsbereich zu Kinder- und Jugendbüchern ist prominent im Lesesaal platziert und lädt zum Schmökern ein.  

Wie sehen die Workshops konkret aus?

Für unser Angebot „Buchbesuch – mit Geschichten ins Museum“ kommt die Schulklasse oder der Oberstufenkurs mit einem thematisch passenden Buch in unser Museum. Zum ungeschriebenen schulischen Kanon gehören Werke wie Das Tagebuch der Anne FrankAls Hitler das rosa Kaninchen stahlWeiter leben. Eine Jugend und leider auch Der Junge im gestreiften Pyjama und Damals war es Friedrich u.a.. Das jeweilige Buch dient den Schüler*innen als Ausgangspunkt für einen Workshop, bei dem sie sich mithilfe der Ausstellung Hintergrundinformationen erarbeiten, die ein tieferes Verständnis der Lektüre ermöglichen. In Kleingruppen fokussieren sie sich dabei auf einen selbst gewählten Aspekt ihres Buches. Anschließend besuchen sie die Ausstellung und fotografieren passende Objekte, die helfen, diesen Aspekt zu beleuchten. Die Auswahl kann inhaltlich, aber auch assoziativ-künstlerisch begründet sein. Im Anschluss stellen die Kleingruppen ihre Ergebnisse im Plenum und mithilfe des interaktiven Smartboards in der Bibliothek vor. 

In den Workshops möchten wir auch weniger beachtete Perspektiven auf die Texte ermöglichen: „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ kann zum Beispiel dazu anregen, in der Ausstellung zu erkunden, was es für Jüdinnen und Juden bedeuten kann, jüdisch zu sein, und davon ausgehend über das jüdische Selbstverständnis der Familie von Anna im Buch nachzudenken.

Bei Der Junge im gestreiften Pyjama oder Damals war es Friedrich kann der Fokus auf die Zeichnung von Täter- und Opferrollen gelegt werden und auf die Problematik, inwiefern durch die Konstruktion der Erzählung eine Entlastung von deutscher Schuld begünstigt wird.

Auch philo- und antisemitische Stereotype in Damals war es Friedrich (vgl. Schrader 2005, S. 3ff; Wetzel 2010, S. 204ff) können bei der Gegenüberstellung mit der in der Dauerausstellung dargestellten Diversität von Jüdinnen*Juden zum Reflexionsgegenstand werden. 

Neben diesem offen angelegten Format bieten wir auch Angebote zu von uns ausgewählten Büchern an: Textausschnitte aus dem in Frankfurt spielenden autobiographischen Roman Kaiserhofstraße 12 von Valentin Senger, der das Überleben seiner Familie in der NS-Zeit beschreibt, sind die Grundlage für den Workshop „Hauptsache Überleben – Die Geschichte der Familie Senger“. In Kombination mit dem Ausstellungsraum, der eine transgenerationelle Perspektive auf die Familie ermöglicht, bietet es sich an, über eine jüdische Erfahrung während der NS-Zeit, über Themen wie Migration, Ausgrenzung und Illegalität oder über die intergenerationelle Weitergabe von Zugehörigkeiten – russisches Erbe, kommunistische Haltungen, Jüdisch sein – nachzudenken.

Die besondere Stärke dieses Formats ab Klasse 9 ist der Vergleich der fiktionalisierten Geschichte im Roman mit der faktualen Geschichtserzählung mithilfe von Objekten und Dokumenten in der Ausstellung. Da hierbei Ungereimtheiten deutlich werden, können sich Jugendliche mit Bedeutungen von fiktionalisierter und faktualer Geschichtsdarstellung für die Geschichtskultur auseinandersetzen. 

Bei dem Workshop „Freundschaft ohne Grenzen?“ für die Klassen 7 bis 9 arbeiten wir mit Ausschnitten aus dem jüdisch-muslimischen Freundschaftsroman Die Jagd nach dem Kidduschbecher von Eva Lezzi. Die Ausstellung hilft dabei, kulturelle und religiöse Praxen des Judentums besser kennenzulernen, und regt zum Vergleich mit muslimischen Traditionen an. Ziele des Workshops sind die Reflexion über Freundschaft, Identität, Vorurteile, Selbst- und Fremdbilder.

Der Workshop „Opa, der Hunde-Schlamassel und die Frage: Was ist jüdisch?“ für die Klassen 3 bis 6 geht von dem Roman Opa und der Hunde-Schlamassel von Erica S. Perl aus. Als typische Zehnjährige hat die Protagonistin Zelda durch den Umzug aufs Land einige Herausforderungen zu bewältigen: eine neue Schule, neue Freunde und sogar neue „Feinde”, denn sie wird von einem ihrer Mitschüler gemobbt. Zudem hätte sie sehr gerne einen Hund – ein Wunsch, den die Eltern ihr jedoch verwehren. Die Kinder können beim Lesen von Textausschnitten feststellen, wie viele Gemeinsamkeiten sie mit Zelda haben. Die Ausstellung hilft ihnen im Anschluss herauszufinden, was jüdisch zu sein für Kinder bedeuten kann und was es konkret für Zelda bedeutet. Daran kann sich die Selbstreflexion anschließen, ob bzw. inwiefern Religionszugehörigkeit für ihr eigenes Leben relevant ist. 

Ein von Originalbriefen ausgehender Workshop, der für die Klassen 4 bis 13 angepasst werden kann, nennt sich «Viele Grüße von Eurer Anne…» – die Briefe der Familie Frank. Über Generationen hinweg kommunizierte die Familie von Anne Frank mit Briefen. Im Workshop werden einige dieser Briefe aus dem 19. und 20. Jahrhundert unter die Lupe genommen. In der Ausstellung zur Familie Frank können die Schüler*innen einiges über die Absender*innen und Adressat*innen und den familiären und historischen Hintergrund der Briefe herausfinden und sich mit folgenden Themen befassen: Familienleben, Liebe, Erster Weltkrieg, Emigration und das Weiterleben nach 1945. 

Lust am Lesen wecken

Wir schaffen niedrigschwellige Angebote, da die Bücher, um die es in den Angeboten geht, von der Klasse nicht gelesen worden sein müssen, aber natürlich können. Die Bibliotheksworkshops zielen darauf ab, den Museumsbesuch in eine längerfristige Begegnung mit jüdischer Geschichte und/oder Gegenwart mithilfe von Literatur einzubetten. In der Hoffnung, dass die Angebote Lust machen, die Romane weiterzulesen, können wir sie teilweise im Anschluss als Klassensatz verleihen. Auch Bücherkisten zu den Themen „Lebendiges Judentum“ (für die Klassen 5 bis 13) und „Nationalsozialismus und Schoa“ (für die Klassen 9 bis 13) können Lehrkräfte bei uns ausleihen. Sie sind je nach Altersstufe unterschiedlich bestückt mit Romanen, Graphic Novels und Zeitzeug*innenberichten. 

Lust am Recherchieren wecken

Schülerinnen und Schüler sind auch eingeladen, eigenständig (für Schulprojekte) die Bibliothek zum Recherchieren und Schmökern zu nutzen. Zur Unterstützung ist immer eine Ansprechperson in der Bibliothek anwesend.

Schreibanlässe

Ein längerfristiges Schüler*innenprojekt der Bibliothek anlässlich des Anne Frank Tags 2021 findet derzeit digital statt. Schüler*innen ab Jahrgangsstufe 8 beschäftigen sich zunächst mit Tagebuch-Auszügen sowie Briefen von Anne Frank und der Ausstellung zur Familie Frank, um dann der Frage nachzugehen, was es bedeutet zu schreiben: Schreiben als Selbstreflexion, als Verarbeitung von Diskriminierungs- und anderen Erfahrungen und als Möglichkeit der Auseinandersetzung mit der eigenen Identität. Schließlich werden sie von der Autorin Dilek Güngör angeleitet, eigene Texte zu verfassen. Die Veranstaltung ist Teil des Projekts „SchreibKunst“ des Hessischen Kultusministeriums, das den literarischen Nachwuchs fördert. 

Für die ganz Kleinen: Vorlesesonntag und Lilo Lausch im Jüdischen Museum

Einmal im Monat gibt es (derzeit digital) ein Vorleseprogramm, bei dem Kinder ab vier Jahren gemeinsam die Geschichten- und Bilderbuchschätze in der Kinderbibliothek entdecken können. Spielerisch begeben sie sich dabei auf Entdeckungsreise in die Welt der Bilderbücher und Geschichten. Erst wird vorgelesen, anschließend gespielt, gemalt, gebastelt oder gesungen. Im Mittelpunkt stehen dabei Themen wie jüdische Feiertage sowie Freundschaft, religiöse und kulturelle Vielfalt.

Um gesellschaftliche Diversität geht es auch bei Lilo Lausch – ein erfolgreiches Programm der Stiftung Zuhören des Hessischen Rundfunks für Kindertagesstätten. Es zielt auf eine wertschätzende Zuhörkultur in Bildungseinrichtungen und Familien ab. Mit Unterstützung der Stiftung haben wir das Lilo Lausch-Programm adaptiert: Es geht bei uns darum, mit Kindern von 2 bis 6 Jahren spielerisch Elemente jüdischer Kulturen zu vermitteln etwa in Form jiddischer und hebräischer Lieder. Dem bereits existierenden Programm entsprechend werden weitere Sprachen über Deutsch hinaus in Form von Wörtern oder Liedern miteinbezogen. Die Kinder bringen selbst die weiteren Sprachen ein, mit denen sie in ihrem familiären Umfeld vertraut sind. Dabei können sie Sprachverwandtschaften etwa von Jiddisch und Deutsch oder Hebräisch und Arabisch aufspüren. So gelingt transkulturelles Lernen, bei dem die im Fokus stehenden Sprachen und Kulturen gleichermaßen wertgeschätzt werden. 

Der Arbeitskreis Kinder- und Jugendliteratur

Eine wichtige Grundlage für die pädagogischen Angebote in der Bibliothek ist unser Arbeitskreis Kinder- und Jugendliteratur, der sich alle sechs Wochen (derzeit digital) trifft und allen Interessierten offensteht. Wir besprechen aktuelle Kinder- und Jugendbücher zu jüdischen Themen, um Lektüreempfehlungen daraus abzuleiten und Impulse für die pädagogische Bearbeitung setzen zu können. 

 Literatur

Assmann, Aleida (2011): Die Vergangenheit begehbar machen. Vom Umgang mit Fakten und Fiktionen in der Erinnerungsliteratur. In: Politische Meinung 500/501. Konrad Adenauer Stiftung, S. 77-85. 

Chmiel, Cornelia; Sieberkrob, Mathias (2021): Demokratiebildung und historisches Lernen. Mehr als Demokratiegeschichte. In: Lernen aus der Geschichte, Heft 4, S. 19-23. http://lernen-aus-der-geschichte.de/Lernen-und-Lehren/content/15046 (2.5.2021) 

Feuchert, Sascha (2015): Fiktionale Holocaustliteratur als Chance für den Geschichtsunterricht. Grundsätzliche Überlegungen, die mögliche Rolle von Lesetagebüchern und ein aktuelles Beispiel. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, Heft 7/8, Hannover, S. 437-449. 

Mikota, Jana; Pecher, Claudia Maria; von Glasenapp, Gabriele (Hrsg.) (2016): Literarisch-kulturelle Begegnungen mit dem Judentum. Beiträge zur kinderliterarischen Fachöffentlichkeit. Schriftenreihe. Jahrbuch der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur, Baltmannsweiler.

Rox-Helmer, Monika (2006): Jugendbücher im Geschichtsunterricht, Schwalbach/Ts.

Schrader, Ulrike (2005): „Immer wieder Friedrich? Anmerkungen zu dem Schulbuchklassiker von Hans Peter Richter“. In: Wolfgang Benz (Hg.), Jahrbuch für Antisemitismusforschung 14, Berlin, S. 323-344. 

Wetzel Juliane (2010): „Damals war es Friedrich“. Vom zähen Leben misslungener guter Absicht“. In: Wolfgang Benz (Hg.), Vorurteile in der Kinder- und Jugendliteratur, Berlin, S. 201-209. 

 

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