Dialogue

Umgang mit kolonialer Vergangenheit und Dekolonialisierungsprozessen in Europa. Schwerpunkt: Didaktik

Dr’in Uta Fenske ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Didaktik der Geschichte an der Universität Siegen und am Gestu_S (Gender Studies Universität Siegen). Sie arbeitete im Projekt CoDec mit. Prof’in Dr. Bärbel Kuhn ist Professorin für Didaktik der Geschichte an der Universität Siegen. Sie leitete von 2013-1015 das von der EU im Rahmen des Lifelong Learning Programms geförderte Projekt „Kolonialismus und Dekolonisation in nationalen Geschichtskulturen und Erinnerungspolitik in europäischer Perspektive“ (CoDec).

Von Uta Fenske und Bärbel Kuhn

Koloniale Erfahrungen sind ein verbindendes Moment europäischer Geschichte, auch wenn die einzelnen europäischen Nationen in unterschiedlicher Weise in Kolonialismus und Dekolonisation involviert waren. Und die koloniale Vergangenheit ist immer noch gegenwärtig. Dies zeigen komplexe Migrationsprozesse sowie die intensiven Debatten, die um Erinnerungskultur und den Umgang mit der Vergangenheit geführt werden. Zum Beispiel zur Restitution menschlicher Überreste und kolonialer Objekte - in Deutschland prominent anhand des Humboldt-Forums geführt (Habermas 2019) oder angesichts der im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung gestürzten Denkmäler von Sklavenhändlern in Großbritannien. 

Daraus folgt die für die historische Forschung und die Fachdidaktik spannende Frage, wie Europa mit dem materiellen und geistigen Erbe des Kolonialismus umgeht. Ein Zeugnis dieses Umgangs legt die Vermittlung des Themas im Geschichtsunterricht ab.

Das von der EU von 2013-2015 geförderte Projekt „Kolonialismus und Dekolonisation in nationalen Geschichtskulturen und Erinnerungspolitik in europäischer Perspektive“ (CoDec) hat diese Frage in Hinblick auf den Kolonialismus seit dem späten 18. Jahrhundert untersucht und in Bezug auf die europäische Selbstwahrnehmung erinnerungspolitisch weitergedacht. Davon ausgehend, dass die Erinnerung an die mit den Kolonien geteilte Geschichte gleichzeitig eine nationale und europäische ist, galt es zu untersuchen, „inwieweit die nationalen Geschichtskulturen im Kontext von Kolonialismus und Dekolonisation in einem kollektiven europäischen Rahmen verortet werden können“ (Fenske/Kuhn 2015: 9). Eine Frage, die letztlich das Selbstverständnis Europas betrifft. Beteiligt an dem Projekt mit dem Ziel, neue Wege der Vermittlung im Geschichtsunterricht zu erarbeiten, waren Partner*innen aus Belgien, Deutschland, Estland, Österreich, Polen, Schottland und der Schweiz.

Es lohnt sich, die transnationale Perspektive auf Kolonialismus/Dekolonisation, insbesondere mit postkolonialen Ansätzen, einzunehmen. Schließlich leben wir in einer Zeit globaler Vernetzung in einer gemeinsamen Welt, die historisch so geworden ist, wie sie heute ist. Dabei ist das ‚post‘ in postkolonial keineswegs nur zeitlich zu verstehen, sondern hat einen umfassenderen Anspruch: Historische Forschung in postkolonialer Perspektive begreift Kolonialismus als relationales System, das sowohl Kolonien als auch Kolonialmächte prägte. Es geht also ebenso darum, Kontinuitäten und Auswirkungen der kolonialen Ära wahrzunehmen, die „Unabgeschlossenheit des Kolonialismus“ (Grewe 2016: 17) in den Blick zu nehmen und Wissen zu dekolonisieren. Ein weiteres zentrales Anliegen postkolonial inspirierter Geschichtsschreibung liegt darin, die Sichtweisen und Handlungsmacht (agency) kolonisierter Völker und Menschen zu berücksichtigen, um die komplexen kolonialen Herrschaftssysteme, auch Widerstand und Kooperation, besser verstehen zu können (Conrad/Randeria 2013, Reinhard 2010, Schaper 2019). Außerdem versteht sie Kolonialismus nicht nur als politisch-ökonomisches Herrschafts- und Ausbeutungssystem, sondern interessiert sich auch für die dahinter liegenden kulturellen Annahmen und Macht-Wissens-Beziehungen. Diese Überlegung hat die Osteuropäische Geschichte aufgegriffen und diskutiert, ob die Prämissen der postcolonial studies nicht auch auf innereuropäische Formen der Herrschaft angewandt werden können und man innerhalb Europas von kolonialen Herrschaftsformen sprechen könne (Wendland 2010, Lerp 2016). 

Die Vermittlung von Kolonialismus/Dekolonisation in einer europäischen Perspektive zu untersuchen und zu begreifen, bringt etliche Herausforderungen mit sich, da Europa selbst ein heterogener Raum ist. Speziell sind die unterschiedlichen nationalen historischen Erfahrungen, verschiedene didaktische Traditionen und die Verbreitung neuerer Forschungsansätze wie der postcolonial studies und der neuen Imperialgeschichte (New Imperial History) sowie die föderalen Systeme vieler Staaten zu nennen. 

Welche Geschichte Schüler*innen wie vermittelt werden soll, ist eine Frage, die zu jeder Zeit diskutiert wird. Die Ergebnisse dieser Diskussionen finden sich in Curricula und Schulbüchern. Ihre Analyse war deshalb der Ausgangspunkt des Projektes CoDec. Die für das Projekt untersuchten Lehrpläne und Bücher waren die 2013-2015 aktuellen, die sich in den meisten Fällen nicht wesentlich verändert haben dürften. 

Danach wird Kolonialismus/Dekolonisation nur in einigen Curricula als Thema gesetzt, namentlich in Polen und Estland. Für die Schweiz und Deutschland lässt sich die Frage aufgrund der Bildungshoheit der Länder bzw. Kantone nicht eindeutig beantworten. Im Kernlehrplan für die Sekundarstufe I von NRW (2007) beispielsweise ist weder Kolonialismus noch Dekolonisation aufgeführt, sondern im Inhaltsfeld Imperialismus und Erster Weltkrieg subsumiert. Im Schweizer Kanton Bern hingegen gilt Kolonialismus neben der Französischen Revolution und der Industrialisierung als eines der drei für das 19. Jahrhundert wichtigen Themen. Nicht explizit genannt werden sie in Belgien (Standards 2000) und Schottland (Curriculum 2009), wo allerdings vorgeschlagen wird, dass das Thema im Kontext von „Migration und Empire, 1830-1939“ oder „Der Kalte Krieg, 1945-1989“ behandelt werden könnte.  

Dass das Thema nicht explizit in Curricula verortet ist, ist auch den kompetenzorientierten Lehrplänen geschuldet und bedeutet nicht, dass es nicht unterrichtet wird. Das zeigt ein Blick auf die Schulbücher. Alle untersuchten Bücher thematisieren Kolonialismus und manchmal auch Dekolonisation. Die von den Partner*innen vorgenommenen Analysen haben ein vielfältiges Bild ergeben, das zeigt, dass Kolonialismus/Dekolonisation je nach Schwerpunktsetzung und Lernzielen unterschiedlich unterrichtet werden. Dies lässt sich in seiner Komplexität nur schwerlich pointiert nachzeichnen. Aber einige Tendenzen lassen sich doch aufzeigen. 

Kolonialismus wird meist im Kontext des Imperialismus behandelt, mit Konzentration auf Afrika. Die europäische Dimension des Kolonialismus wird deutlich gemacht und teils als Verflechtungsgeschichte erzählt. In einer nationalen Perspektive nehmen die Bücher der ehemaligen Kolonialmächte Belgien und Deutschland zum einen den Kongo-Freistaat, besonders die brutale Herrschaft Leopolds II, zum anderen die Kolonie Deutsch-Südwestafrika und den Vernichtungskrieg gegen Herero und Nama besonders in den Blick. 

Überlegungen der neueren Osteuropaforschung, die Ähnlichkeiten imperialer Herrschaft in Europa mit kolonialer Herrschaft in Übersee diskutiert und innereuropäische Hegemonien mit postkolonialen Fragestellungen betrachtet, werden in keinem der analysierten Bücher angestellt. Bemerkenswert ist aber, dass die russische Politik gegenüber Estland im 18. und 19. Jahrhundert sowie die sowjetische Besatzungszeit von 1944 bis 1991 in estnischen Schulbüchern seit Anfang der 2000er Jahre explizit als koloniale Politik bezeichnet wird. 

Dekolonisationsprozesse bzw. das Ringen um Unabhängigkeit werden in unterschiedlicher Ausprägung – in deutschen und polnischen Schulbüchern erst in der Oberstufe – zumeist im Kontext des Kalten Krieges behandelt. Im Unterschied zum Afrika-Fokus der Geschichte des Kolonialismus wird der Blick auch auf Unabhängigkeitsbestrebungen in Asien gerichtet. Der Tenor ist dabei durchaus ambivalent. Jedoch ist es ein erkennbares Anliegen, die Emanzipationsprozesse nach dem Zweiten Weltkrieg zu verstehen, sie in den Kontext globaler Verflechtungen und Migrationsbewegungen einzuordnen oder – allgemeiner – Fremdverstehen, Alteritätserfahrung und die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel zu entwickeln. Solche Zusammenhänge werden vor allem in Büchern entwickelt, die gleichermaßen für den Geschichts- und Politikunterricht konzipiert sind und Bezüge zur Gegenwart herstellen. So werden etwa Beispiele von kolonialen Erinnerungsspuren (Straßennamen), von Erbe und Verantwortung oder Entschädigung diskutiert. In der Schweiz wird angeregt, Persönlichkeiten, die für Freiheit und Unabhängigkeit kämpften wie Mahatma Gandhi oder Nelson Mandela, zu thematisieren.

Wenngleich Kolonialismus wie Post- oder Neokolonialismus verurteilt werden und die Sympathien auf Seiten kolonisierter Völker und Menschen oder sich aus der kolonialen Herrschaft Befreienden liegen und die Bewegungen für Unabhängigkeit, Freiheit und Gleichheit aus der Perspektive der Betroffenen dargestellt werden, wird oft unterschwellig suggeriert, dass viele der Länder mit ihrer Unabhängigkeit nicht umgehen konnten. 

Obgleich Kolonialismus überall in kritischer Perspektive betrachtet und verurteilt wird, spielen postkoloniale Perspektiven insgesamt nur eine untergeordnete Rolle. Sie haben nur in einzelne Schulbücher Eingang gefunden, z.B. in das belgische Buch Passages (2009-2012). Die Ansätze der neuen kritischen Historiographie (New Imperial History)aufgreifend werden hier koloniale Begegnungen und Beziehungen als wechselseitig verstanden und Fragen nach Repräsentationen angesprochen. Anders als in den meisten anderen Büchern werden auch Zusammenhänge zwischen Kolonialismus und Dekolonisation und Migrationsprozessen hergestellt.

Zumeist werden kulturelle Annahmen der Überlegenheit zwar als Ursache von Kolonialismus genannt und reflektiert, gleichzeitig jedoch immer wieder durch die Art und Weise der Darstellung ‚bestätigt‘, etwa wenn die Kolonisierten zwischen den Zeilen als unterentwickelt und rückständig dargestellt werden. Auch fällt auf, dass Kolonialismus fast immer noch als Einbahnstraßen-Geschichte erzählt wird, die die europäischen Mächte als Akteure ansieht, aber weder die wechselseitige Beeinflussung von Kolonien und Kolonialmächten noch die Handlungsmacht der Kolonisierten berücksichtigt. Das didaktische Prinzip der Multiperspektivität wird nicht konsequent umgesetzt, obwohl der Aufbau von Kompetenzen zum kritischen Umgang mit Geschichte und ein reflektiertes Geschichtsbewusstsein mehr oder minder ausdrücklich in allen beteiligten Ländern als wesentliches Ziel des Geschichtsunterrichts formuliert wird. Die Perspektiven der Kolonisierten werden in fast keinem Buch bewusst aufgezeigt. Stattdessen werden sie häufig in kolonialer Weise repräsentiert, nämlich durch Bildquellen der Kolonialmächte. Quellen, die die Sichtweise der Kolonisierten ausdrücken, fehlen meistens. Dabei könnten die postcolonial studies und die Forschung zur außereuropäischen Geschichte hier für den Unterricht brauchbare Quellen anbieten oder das Fehlen der Quellen könnte thematisiert und klassische Geschichtsnarrative dekonstruiert werden. Auch neuere Forschungsergebnisse und das Prinzip der Kontroversität finden sich in einigen der untersuchten Länder kaum in den Büchern.

Es gibt gute Argumente dafür, Kolonialismus/Dekolonisierung in postkolonialer Perspektive als transnationale Beziehungs- und Verflechtungsgeschichte zu unterrichten. Eine solche Vermittlung trägt dazu bei, nicht in der immer wieder geführten Diskussion über das Negative und Positive des Kolonialismus zu verharren, sondern Folgen der Kolonialherrschaft, koloniale Mentalitäten, Rassismus, Repräsentationspolitiken, kollektive Erinnerung zu untersuchen (Godderies 2011b), für das eigene Gewordensein zu sensibilisieren und Differenz anzuerkennen. 

Literatur

Conrad, Sebastian/Randeria, Shalini (2013): „Einleitung: Geteilte Geschichte – Europa in einer postkolonialen Welt,“ in: Conrad, Sebastian/Randeria, Shalini/Römhild, Regina (Hg.): Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften, Frankfurt/New York, (2. Aufl.), S. 32- 73.

Draye, Greet/Creyghton, Camille/Verhaegen, Sarah (2009): Passages 3e graad - De negentiende eeuw 1815-1918. Averbode. (Wissenschaftliche Begleitung: Hans Cools und Kaat Wils).

Fenske, Uta/Kuhn, Bärbel P. (2015): „Einleitung“, in: Fenske, Uta/Groth, Daniel/Guse, Klaus-Michael/Kuhn, Bärbel P. (Hg.): Kolonialismus und Dekolonisation in nationalen Geschichtskulturen und Erinnerungspolitiken in Europa. Frankfurt a.M., S. 9-17.

Goddeeris, Idesbald/Kiangu, Sindani E. (2011): “Congomania in Academia: Recent Historical Research on the Belgian Colonial Past”, in: Bijdragen en Mededelingen betreffende de Geschiedenis der Nederlanden, 126 (4), S. 54-74. 

Grewe, Bernd-Stefan (2016): „Geschichtsdidaktik postkolonial - Eine Herausforderung“, in: Zeitschrift für Geschichtsdidaktik 2016 (15), S. 5-30.

Habermas, Rebecca (2019): „Restitutionsdebatten, koloniale Aphasie und die Frage, was Europa ausmacht“, in APuZ 40-42, 30.9.2019, S. 17-22.

Lerp, Dörte (2016): Imperiale Grenzräume. Bevölkerungspolitiken in deutsch-Südwestafrika und den östlichen Provinzen Preußens 1884-1914.

Reinhard, Wolfgang (2010): „Kolonialgeschichtliche Probleme und Kolonialhistorische Konzepte“, in: Kraft, Claudia/Lüdtke, Alf/Martschukat, Jürgen (Hg.): Kolonialgeschichten. Regionale Perspektiven auf ein globales Phänomen. Frankfurt a.M/New York, S. 67-91.

Schaper, Ulrike (2019): „Deutsche Kolonialgeschichte postkolonial schreiben“, in APuZ 40-42, 30.9.2019, S. 11-16.

Wendland, Anna Veronika (2010): „Imperiale, koloniale und postkoloniale Blicke auf die Peripherien des Habsburgerreiches“ in: Kraft, Claudia/Lüdtke, Alf/Martschukat, Jürgen (Hg.): Kolonialgeschichten. Regionale Perspektiven auf ein globales Phänomen. Frankfurt a.M/New York, S. 211-235.  

 

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