Dialogue

Das, was auffällt – Geschichtsdidaktische Reflexionen zum „Fremdverstehen“

Jana Völkel hat ein Lehramtsstudium für die Sek. I für die Fächer Deutsch und Geschichte an der Universität Paderborn mit dem Abschluss Master of Education absolviert. Seit Abschluss des Studiums arbeitet sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich der Theorie und Didaktik der Geschichte an der Universität Paderborn.

Von Jana Völkel

In der Geschichtsdidaktik wird der Begriff des Fremdverstehens recht uneindeutig verwendet. Zum einen sind die Begriffe des Kompositums, also Fremd und Verstehen, in ihren eigenständigen Dimensionen als auch in ihrem Wechselverhältnis zueinander häufig nicht theoretisch weiter geklärt. Wird der Verstehensbegriff – sofern er denn nicht vollständig auf Ablehnung trifft (vgl. Buchsteiner et al. 2017: 105) – zumindest insofern problematisiert, als dabei auf die Unabschließbarkeit des Verstehensprozesses hingewiesen wird (vgl. Alavi 2004: 31), bleibt der Begriff der Fremdheit unreflektiert.

Eine weitere Problematik stellt die postulierte Verbindung (vgl. Günther-Arndt 2004: 215) zwischen dem Begriff des Fremdverstehens und dem Kontext des interkulturellen Lernens dar, auf welche bereits Wolfgang Hasberg 2004 (vgl. Hasberg 2004: 234) verwies. Die einseitige Verknüpfung des Fremdheitsbegriffs mit den Themen Migration und interkultureller Bildung leistet einer ganz bestimmten Vorstellung vom kulturell Fremden Vorschub, ohne diese explizit zu machen oder zu problematisieren. Meine hier vorgestellte Dissertation setzt an diesen Desideraten an, indem versucht wird, sowohl die Begrifflichkeiten zu theoretisieren als auch zu problematisieren. Weiterführend soll in den Diskurs über die Phänomenologie des Fremden nach Bernhard Waldenfels eingeführt werden. Waldenfels vertritt einen offenen und nicht vereinnahmenden Fremdheitsbegriff. Wenn nun mit Bodo von Borries gesprochen „Geschichte […] per se Fremdverstehen [ist]“ (Borries 2001: 84) und auch die Alterität der Vergangenheit anerkannt und berücksichtigt werden muss, benötigen wir einen offenen Fremdheitsbegriff. Denn nur so ist er zukunftsfähig und ermöglicht es den Menschen, mit variierenden Fremdheiten umzugehen. Für die Dissertation gilt es also, ein philosophisches Konzept für die Geschichtsdidaktik fruchtbar zu machen. Die Notwendigkeit dessen soll anhand von zwei Beispielen konkreter erläutert werden, in deren Kontexten auch die Problematisierung der Begrifflichkeiten erfolgen sollen.

Als erstes Beispiel soll die gängige Einführung „Wegweiser Geschichtsdidaktik“ von Ulrich Baumgärtner dienen. Unter den „didaktisch-methodisch[en] Präferenzen“ finden sich Baumgärtners Ausführungen zur Alteritätserfahrung, zum Fremdverstehen und zum interkulturellen Lernen (vgl. Baumgärtner 2015: 69 ff.). Fremdverstehen wird hier ein „wesentliches Element des interkulturellen Lernens“ (Baumgärtner 2015: 70) zugewiesen, da die Schüler*innen lernen, „nicht nur einer zeitgleich existierenden fremden Kultur [zu] begegnen, sondern deren Andersartigkeit aus deren Geschichte erschließen und erklären zu können“ (Baumgärtner 2015: 70). Darüber hinaus wird darauf verwiesen, dass auch die eigene Kultur in der historischen Perspektive als „fremd“ und „andersartig“ wahrgenommen werden kann (vgl. Baumgärtner 2015: 70). Der fehlende Aspekt, dass durchaus auch (Teile) der gegenwärtigen „eigenen“ Kultur als fremd und andersartig wahrgenommen werden können, scheint für den Diskurs symptomatisch zu sein. Die weitreichendste Problematik an dieser Stelle ist eben nun die, dass Fremdheit auf der Konzeptebene implizit und konnotativ gedeutet wird. Das ist dahingehend nicht ungewöhnlich, als dass „Fremdheit […] kein Begriff der szientifischen Wissenschaften [ist]. Sie wird nicht aus einer objektivierenden Perspektive wahrgenommen oder konstruiert, sondern befindet sich in Augenhöhe der alltagsweltlichen Akteure" (Münkler/Ladwig 1997: 12). Doch scheint es für eine wissenschaftliche Herangehensweise problematisch zu sein, diese alltagsweltliche bzw. alltagssprachliche Deutung so unkritisch zu übernehmen. Denn aus dem Schluss, dass es keine `objektivierende Perspektive´ gibt, zeigt sich, dass Fremdheit eine Deutung ist und damit auch eine Deutungsrichtung hat (vgl. Kretzschmar 2002: 36). Mit Bernhard Waldenfels gesprochen, tritt Fremdheit „von Fall zu Fall“ (Waldenfels 1995: 621) auf. Dabei impliziert die Aussage, „daß du mir fremd bist, […] nicht den Umkehrschluß, auch ich sei dir fremd“ (Münkler/Ladwig 1997: 12). Fremdheit ist zwar eine Deutung und auch Waldenfels erkennt an, dass „[w]as zwischen den Kulturen geschieht, […] dem Fremden eine besondere Färbung [gibt]“ (Waldenfels 2016: 109), doch ist Fremdheit bei Weitem nicht darauf zu reduzieren. 

Diese grundlegenden Überlegungen sind richtungsweisend für das Verständnis der Phänomenologie des Fremden nach Bernhard Waldenfels. Für Waldenfels ist es elementar, dass das Fremde seinen „Stachel“ behält, es also nicht in einer vollkommenen Vereinnahmung aufgeht. Es geht darum, die eigenständige Dimension der Fremderfahrung wahrzunehmen: „Fremdheit bestimmt sich, wie Husserl sagen würde, okkasionell, bezogen auf das jeweilige Hier und Jetzt, von dem aus jemand spricht, handelt und denkt.“ (Waldenfels 1997: 23). Es gilt danach zu fragen, warum etwas als anders oder fremd wahrgenommen wird. Waldenfels verwendet hier den Begriff des `Pathos´. Pathos wird verstanden als der affektive Moment, in welchem das Fremde mich ins Stolpern bringt (vgl. Waldenfels 2016: 38ff). Das Pathos ist das, was auffällt. Das begriffliche Gegenstück zum Pathos ist die `Responsivität´. Responsivität bedeutet eben jene Antwort, wie auf eine Fremderfahrung (aktiv oder passiv) reagiert wird (vgl. Waldenfels 2016: 45). In dieser Responsivität wird das Fremde erst sichtbar: „Fremdes lässt sich nur indirekt erfassen, als Abweichung vom Normalen und als ein Überschuss, der die normalen Erwartungen und Forderungen überschreitet. Beispiele dafür sind Phänomene wie Gabe, Geschenk, Vergebung. Auch Exzesse von Hass und Gewalt sowie Schmerz und Traumatisierung gehören dazu. Sie begegnen uns auf der Schwelle zwischen Ordentlichem und Außer-ordentlichem“ (Waldenfels 2007). Mit diesem Vorgehen rückt das Individuum in seinen Ordnungssystemen (vgl. Waldenfels 1987) in den Fokus – Ordnungen können hier, sehr basal, erst einmal als gedeutete Welt verstanden werden. Das Was, welches auffällt, ist das, was relevant ist und dies ist für jeden Menschen unterschiedlich. Wenn es nun beim historischen Lernen u.a. darum geht, Menschen dazu zu befähigen, mit gegenwärtiger gedeuteter Vergangenheit sowohl auf einer individuellen als auch gesellschaftlichen Ebene umzugehen (vgl. Meyer-Hamme 2018: 87), wird das passende Handwerkszeug benötigt. Eines davon wäre ein offener Fremdheitsbegriff, da nur über diesen der Andersartigkeit der Vergangenheit (Alterität) als auch der Gewordenheit der Gegenwart gerecht werden kann, als dass die persönliche Involviertheit, die persönlichen Ordnungen, in den Fokus gerückt werden und diese damit sowohl Ausgangspunkt als auch Ziel der Auseinandersetzung sind. Damit lernt der Mensch, die persönliche Gegenwart zu reflektieren, über diese zu kommunizieren, als auch mit zukünftigen Fremdheitserfahrungen umzugehen. Die Reduzierung auf eine kulturelle Fremdheit scheint an dieser Stelle vielmehr hinderlich zu sein. Feste Fremdheitskonzepte bedeuten auch, dass auf den Wandel der Zeit und auf geänderte Sinndeutungen nicht eingegangen werden kann und damit verliert der Mensch einen wichtigen Baustein, um sich in seiner Gegenwart orientieren zu können.

Doch nicht nur der Fremdheitsbegriff ist kaum bzw. problematisch gedeutet, sondern auch der Verstehensbegriff, wie das nächste Beispiel zeigen soll. Bettina Alavi veröffentlichte 1998 ihre Dissertation „Geschichtsunterricht in der multiethnischen Gesellschaft. Eine fachdidaktische Studie zur Modifikation des Geschichtsunterrichts aufgrund migrationsbedingter Veränderungen“. In diesem Kontext setzte Alavi sich verhältnismäßig grundlegend für die Geschichtsdidaktik mit dem Begriff des Fremdverstehens auseinander. Weitere Publikationen zu der Themenkombination folgten, doch auch, wie bei Baumgärtner, häufig in der Verbindung zur Migration oder zum interkulturellen Lernen (vgl. Alavi/Henke-Bockschatz 2004). In ihrer Definition zu dem Fremdverstehensbegriff beschreibt sie Verstehen folgendermaßen: „Fremdes wird ‚verstanden‘, wenn man persönliche Bezüge zu sich selbst herstellen, d.h. Gemeinsamkeiten und Unterschiede erkennen kann“ (Alavi 1998: 87. Hervorhebungen im Original). An späterer Stelle schreibt sie: „Wer nicht ‚Verständnis für das Fremde wecken‘, sondern den Fremden wirklich ‚verstehen‘ will, müßte versuchen, die Motive und Intentionen seiner Handlungen zu erfassen, auch wenn sie aus der eigenen Sicht zunächst abstoßend und indiskutabel erscheinen“ (Alavi 1998: 91. Hervorhebungen im Original). Schaut man sich die beiden Zitate nun genauer an, so fällt schnell auf, dass hier unterschiedliche Verstehensziele angestrebt werden. Beim Ersteren geht es um die `persönlichen Bezüge´, bei dem Zweiten um die `Motive und Intentionen´. Da ein hermeneutischer Verstehensbegriff zumindest in der theoretischen Herleitung aufgeführt wird (vgl. Alavi 1998: 84), erscheint vor allem die erste Begründung problematisch. Denn mit Gunter Scholz kann eingewandt werden: „Wenn das Verstehen in der älteren Hermeneutik oft als Auslegung oder Interpretation bezeichnet wird, bedeutet es an erster Stelle immer das Vernehmen und das Auffassen der Gedanken des oder der Anderen, und erst an zweiter Stelle soviel wie `in eigner Sprache auslegen und explizieren´. Fehlt jener erste Aspekt, handelt es sich um eine ganz andere Hermeneutik – oder um gar keine, mag auch immer viel vom Verstehen und Interpretieren die Rede sein“ (Scholtz 2018: 39-40).

Daraus ableitend ist eine Teilthese dieser vorgestellten Dissertation, dass ein offener Fremdheitsbegriff und die Ansprüche eines hermeneutischen Verstehensbegriffs sich widersprechen und in der Verbindung beiden Konzepten nicht gerecht werden kann. Da aber die Notwendigkeit besteht, dass Menschen lernen, mit Fremdheiten umzugehen, wird an dieser Stelle der Vorschlag gemacht, von Fremderfahrungen im Sinne Waldenfels und im Anschluss daran von Selbstreflexion zu sprechen. Das gleiche Begriffspaar präferieren auch Buchsteiner et al. (vgl. Buchsteiner et al. 2017: 105 ff.), doch soll es in der Dissertation eine andere Verwendung finden.

Die Untersuchung hat den Anspruch, das Theoriekonzept Waldenfels für die Geschichtsdidaktik fruchtbar zu machen. Um die Reichweite dieser theoretischen Überlegungen zu prüfen, werden Interviews mit non-formalen Bildungsakteuren auf diese hin analysiert. Die Interviews sind ursprünglich in dem Kontext des Projekts „Geschichten in Bewegung. Erinnerungspraktiken, Geschichtskulturen und historisches Lernen in der deutschen Migrationsgesellschaft“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung entstanden. Die Kernthese ist hier, dass die deutschen Geschichts- und Erinnerungskulturen als Arten von Ordnungen gedeutet werden können und diese somit Fremdheitserfahrungen erzeugen. In der Dissertation wird damit versucht, ein philosophisches Konzept für die Geschichtsdidaktik fruchtbar zu machen und dessen Reichweite gleichzeitig empirisch auszuloten. 

Literatur

Alavi, Bettina: (1998): Geschichtsunterricht in der multiethnischen Gesellschaft. Eine fachdidaktische Studie zur Modifikation des Geschichtsunterrichts aufgrund migrationsbedingter Veränderungen, Frankfurt: IHO.

Alavi, Bettina (2004): Einführung – Migration interdisziplinär. Migration und Fremdverstehen – eine geschichtsdidaktische Einführung, in: Bettina Alavi; Gerhard Henke-Bockschatz [Hrsg.], Migration und Fremdverstehen. Geschichtsunterricht und Geschichtskultur in der multiethnischen Gesellschaft, Idstein: Schulz-Kirchner Verlag, S.23-35.

Alavi, Bettina; Henke-Bockschatz, Gerhard (2004) (Hrsg.): Migration und Fremdverstehen. Geschichtsunterricht und Geschichtskultur in der multiethnischen Gesellschaft, Idstein: Schulz-Kirchner Verlag. 

Baumgärtner, Ulrich (2015): Wegweiser Geschichtsdidaktik. Historisches Lernen in der Schule, Paderborn: Schöningh. 

Borries, Bodo von (2001): Interkulturalität beim historisch-politischen Lernen – ja sicher, aber wie?, in: Andreas Körber [Hrsg.], Interkulturelles Geschichtslernen. Geschichtsunterricht unter den Bedingungen von Einwanderung und Globalisierung Konzeptionelle Überlegungen und praktische Ansätze, Münster: Waxmann, S.73-95.

Buchsteiner, Martin; et al. (2017): Unterschätzte Prinzipien im Geschichtsunterricht: Personalisierung/Personifizierung und Alterität/Fremdverstehen, Books on Demand. 

Günther-Arndt, Hilke (2004): Workshop: Empirie – Probleme. Fremdverstehen, Schülervorstellungen und qualitative Forschung, in: Bettina Alavi; Gerhard Henke-Bockschatz [Hrsg.], Migration und Fremdverstehen. Geschichtsunterricht und Geschichtskultur in der multiethnischen Gesellschaft, Idstein: Schulz-Kirchner Verlag, S.215-224.

Hasberg, Wolfgang (2004): Workshop: Alternative Zugriffe auf das Tagungsthema. Resultate – Desiderate- Impulse, in: Bettina Alavi; Gerhard Henke-Bockschatz [Hrsg.], Migration und Fremdverstehen. Geschichtsunterricht und Geschichtskultur in der multiethnischen Gesellschaft, Idstein: Schulz-Kirchner Verlag, S.225-238.

Kretzschmar, Sonja (2002): Fremde Kulturen im europäischen Fernsehen. Zur Thematik der fremden Kulturen in den Fernsehprogrammen von Deutschland, Frankreich und Großbritannien, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

Meyer-Hamme, Johannes (2018): Was heißt „historisches Lernen“? Eine Begriffsbestimmung im Spannungsfeld gesellschaftlicher Anforderungen, subjektiver Bedeutungszuschreibungen und Kompetenzen historischen Denkens, in: Thomas Sandkühler et al. [Hrsg.], Geschichtsunterricht im 21. Jahrhundert. Eine geschichtsdidaktische Standortbestimmung, Göttingen: V&R, S.75-92. 

Münkler, Herfried; Ladwig, Bernd (1997): Dimensionen der Fremdheit. In: Herfried Münkler; Bernd Ladwig (Hrsg.): Furcht und Faszination. Facetten der Fremdheit, Berlin: Akademie Verlag, S.11–44.

Scholtz, Gunter (2018): Das Verstehen in der klassischen Hermeneutik, in: Hans-Ulrich Lessing; Kevin Liggieri [Hrsg.], `Das Wunder des Verstehens´. Ein interdisziplinärer Blick auf ein `außer-ordentliches´ Phänomen, München: Karl Alber Verlag, S.21-40.

Waldenfels, Bernhard (1987): Ordnung im Zwielicht, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Waldenfels, Bernhard (1995): Das Eigene und das Fremde, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 43 (4), S.611–620.

Waldenfels, Bernhard (1997): Topographie des Fremden. Studien zur Phänomenologie des Fremden 1, Frankfurt a.M.: Suhrkamp. 

Waldenfels, Bernhard (2016): Grundmotive einer Phänomenologie des Fremden, 5. Aufl, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Waldenfels, Bernhard (2007), Das Fremde denken, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 4 H. 3, URL: https://zeithistorische-forschungen.de/3-2007/4743

 

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