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Einführung: Die Veranstaltungsreihe „Unangepasst. Repressionserfahrungen von Frauen in der DDR“

Ulrike Rothe ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Projektleiterin der Agentur für Bildung e.V. Sie ist Historikerin und Soziologin mit Schwerpunkt auf Oral History und Frauen- und Geschlechtergeschichte.

Von Ulrike Rothe

Über die Frau in der DDR ist nach dem Mauerfall vor allem in den 1990er Jahren geforscht, diskutiert und geschrieben worden. In den letzten Jahren (mit dem Höhepunkt im Jubiläumsjahr 2019) ist diese Diskussion wiederaufgelebt – auf einige interessante, eher kritische Aufarbeitungen dieses Themas folgten emphatisch positive Bewertungen des Lebens von Frauen in der DDR. Die Perspektive hierbei ist allerdings eine gegenwartsbezogene. Fokussiert wird die aktuelle Erscheinung der selbstbewussten, erfolgreichen ostdeutschen Frauen auf Spitzenpositionen in der Politik und in anderen Branchen. Diese Frauen sind oft zugleich auch Mütter von Kindern, sie können berufliche und häusliche Arbeitsbereiche scheinbar miteinander vereinbaren. Erklärt wird das mit der gelungenen Sozialisierung der Frauen in der DDR, mit der Gleichberechtigung, die vor 1989 dort schon erreicht worden sei. 

Mit der Veranstaltungsreihe „Unangepasst. Repressionserfahrungen von Frauen in der DDR“ werden die Frauen in den Blick genommen, die dem sozialistischen Ideal von der in Vollzeit erwerbstätigen Mutter nicht entsprachen, die das traditionelle weibliche Rollenbild sowie überhaupt die herkömmliche Geschlechterordnung – etwa durch ihre politischen oder künstlerischen Interaktionen oder durch ihre nichtkonformen Lebensentwürfe – in Frage stellten. Vielfach zogen diese Abweichungen soziale Ausgrenzung, staatliche Repression und Verfolgung nach sich. Bezugspunkt war hierbei die Geschichte der Untersuchungshaftanstalt II des Ministeriums des Inneren in Ostberlin, Keibelstraße – hier waren auch Frauen inhaftiert. Am Lernort Keibelstraße, der von der Agentur für Bildung betrieben wird, bot es sich an, die Geschichte von Frauen zu erzählen, die in Haft gerieten und kriminalisiert wurden. Mit Blick auf die Jubiläumsfeiern zu 30 Jahre Mauerfall im Herbst 2019 waren wir uns jedoch auch einig, dass in der bisherigen Aufarbeitung der Protest- und Bürgerrechtsbewegungen zwar einzelne Protagonistinnen eine wichtige Rolle spielen, aber die Rolle und die Bedeutung von Frauen, Frauengruppen, ja sogar der Frauenbewegung als Teil der nichtstaatlichen Opposition zu wenig bekannt sind. Dementsprechend luden wir zu mehreren Veranstaltungen Zeitzeuginnen ein, die sich in dieser Frauenbewegung engagiert haben, aber auch Expertinnen, die diese Geschichte(n) dokumentiert und erforscht haben. Mit Blick auf soziale Marginalisierungen ging es in einer weiteren Veranstaltung um Frauen und Mädchen, die als „kriminell gefährdet“ eingestuft wurden – etwa weil sie aus schwierigen familiären Verhältnissen kamen, sich „herumtrieben“, weil sie keiner geregelten Arbeit nachgingen oder der weiblichen Verhaltensnorm sexueller Passivität nicht entsprachen. Der Verhaftung und Verurteilung nach § 249 wegen sogenannten asozialen Verhaltens konnten Pathologisierungen z.B. durch die Einweisung in die geschlossenen venerologischen Abteilungen größerer Krankenhäuser vorausgehen. Davon erzählte die Zeitzeugin Martina Blankenfeld. Ihre Erlebnisse, die sie als Minderjährige im Städtischen Klinikum Buch machen musste, dürfen als frauenspezifische Erfahrung von sexualisierter Gewalt unter haftähnlichen Bedingungen charakterisiert werden. 

Unangepasste, „nicht passende“ Frauen am Rand der DDR-Gesellschaft sind aus unterschiedlichen Gründen heraus kriminalisiert worden, die es aufzufächern gilt. In einem weiteren Schritt geht es darum, die Repressionen, denen diese Frauengruppen ausgesetzt waren, zu beleuchten und damit einen Beitrag zu leisten, DDR-Geschichte auch geschlechtsspezifisch zu schreiben.

Die Reihe wird im laufenden Jahr mit weiteren vier Veranstaltungen fortgesetzt und dokumentiert.

 

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