Referral comic

Comics als politische Lehrstücke

Sammelrezension zu Werken des Bahoe Book Verlags

Dr. Markus Brunner ist Sozialpsychologe und Soziologe. Er arbeitet als Lehrbeauftragter und Co-Leiter des Psychologie-Master-Studienschwerpunktes „Sozialpsychologie und psychosoziale Praxis“ an der Sigmund Freud Privat Universität (SFU) Wien, ist Mitherausgeber der Zeitschriften "Freie Assoziation", "Psychologie und Gesellschaftskritik" und der Schriftenreihe "Kritische Sozialpsychologie" bei Springer VS und Gründungsmitglied u.a. der Gesellschaft für psychoanalytische Sozialpsychologie (GfpS), AG Politische Psychologie und der Forschungswerkstatt Tiefenhermeneutik, zudem Ausbildungskandidat am Seminar für Gruppenanalyse Zürich (SGAZ).

Von Markus Brunner

Die letzten zwei Jahrzehnte erlebten unter dem Label „Graphic Novels“ einen Boom des avancierten Comicschaffens. Dass wir uns über Comics auch komplexen historischen und politischen Themen annähern können, zeigt die Reihe „bahoe comics“ des Wiener Bahoe Books Verlag. Der linke Buchverlag veröffentlicht darin politische Werke, die sich immer aus der Perspektive politisch aktiver Widerständler*innen, aufbegehrender Sklav*innen, Antifaschist*innen, Anarchist*innen oder Sozialist*innen, mit repressiven Regimen, sozialen Kämpfen und Geschichten der Verfolgung auseinandersetzen. Neben einheimischen Auseinandersetzungen mit der österreichischen Geschichte finden sich im Verlagsprogramm zahlreiche deutsche Erstübersetzungen internationaler Bücher. 

Hervorheben will ich das brillante und preisgekrönte Buch "Angola Janga. Eine Geschichte von Freiheit" von Marcelo D´Salete. Der Autor erzählt in diesem postkolonialen Comic par excellence die Geschichte des Widerstands der afrikanischen Sklav*innen in Brasilien Mitte bis Ende des 17. Jahrhundert. In ihrem Zentrum stehen die sog. „Quilombos“, Dorfstrukturen, welche von der Gefangenschaft entflohenen Sklav*innen in Palmenhainen im heutigen Nordosten Brasiliens gebildet und gegen erst die holländische, später die portugiesische Kolonialmacht, aber auch gegen sklav*innenhaltende Gutsbesitzer, Sklav*innenjäger und Räuber zu verteidigen versucht haben. Konsequent wird im Comic den Versklavten, Geflohenen und Befreiten eine Stimme und Gestalt gegeben. Wir folgen dabei einzelnen Lebensgeschichten, die sich durchkreuzen und die die Gewalt, das Leid, die Kosten von Flucht und Befreiung, Ängste, Hoffnungen und die Kraft der Befreiten zu zeigen vermögen. Und sie vermitteln auch dramatisch, wie die unmögliche Situation, einer absolut überlegenen feindlichen Übermacht ausgesetzt zu sein, zu Spaltungen und Verrat unter den Geflohenen führt. D'Salete erzählt die Geschichte in einem mit teilweise sehr kräftigen Strichen gezeichnetem Schwarzweiß mit konnotationsreicher Bildsprache, vielschichtig und verschachtelt – verschiedene Zeitebenen verknüpfen sich ebenso wie Erzählungen, Erinnerungen, innere Bilder und historische Symbolwelten. Das Buch ist bestückt mit einem umfangreichen Anhang mit historischen Einordnungen, Karten, einem chronologischen Überblick über die Ereignisse und vielen Erklärungen zu einzelnen Begriffen und Symbolen. Dieser Anhang und ebenfalls längere Zwischenzitate, die am Anfang der einzelnen Kapitel abgedruckt sind und die einen Überblick über das historische Geschehen liefern, erlauben es dem Autor, die Geschichte vor allem über die Bilder zu erzählen und Worte eher spärlich einzusetzen. Das komplexe Werk ist eine unbedingte Empfehlung an alle Comicliebhaber*innen, aber auch an jene, die sich einmal mit der Kolonialgeschichte Brasiliens und überhaupt mit den Auswirkungen des Kolonialismus in Lateinamerika beschäftigen wollen. 

Der ebenfalls preisgekrönte Kurzgeschichtenband "Cumbe" desselben Autors ist so etwas wie eine Vorarbeit zu "Angola Janga". In ihm werden Erzähl- und Darstellungsformen ausgetestet, die im späteren Werk zur vollen Blüte kommen werden. Erzählt werden – auch hier konsequent aus der Perspektive der Sklav*innen – Kurzgeschichten über die brasilianische Kolonialzeit, Geschichten von Gewalt, Liebe, Misstrauen, Verrat, Tod und Widerstand. Sie zeigen noch mehr als die Widerstandsgeschichte der Geflohenen in „Angola Janga“, wie sich die kolonialen Gewaltverhältnisse in alle Körper und alle zwischenmenschlichen Beziehungen einschreiben und sich die Gewalt auch zwischen den Sklav*innen fortsetzt. Freiheit, Wahn und Tod liegen nahe beieinander. Dieser Band ist nicht nur als Ergänzung zum großen Hauptwerk von Marcelo D´Salete spannend, sondern auch als eigenständiger Einblick in die Lebenswelten der Versklavten. 

Andere Werke des Verlags befassen sich mit einzelnen politischen Kämpfer*innen. „Simón Radowitzky. Vom Schtetl zum Freiheitskämpfer“ des in Argentinien geborenen Agustín Comotto erzählt die turbulente Lebensgeschichte des titelgebenden jüdischen Anarchisten Radowitzky. Dieser entkam im zaristischen Russland erst antisemitischen Pogromen und nach seiner Politisierung auch dem Terror der Geheimpolizei, indem er nach Argentinien floh. Da verübte er nach der blutigen Niederschlagung einer 1.-Mai-Demonstrationen und eines darauffolgenden Generalstreiks 1909 ein Attentat auf den verantwortlichen Polizeichef, was ihn für 20 Jahre ins Gefängnis brachte. Nachdem er, zur Legende geworden, durch internationalen Druck freigelassen, aber aus dem Land verbannt wurde, kämpfte er schließlich im spanischen Bürgerkrieg gegen den faschistischen Angriff auf die Republik und entkam den frankistischen Truppen schließlich nach Mexiko. Aus dem argentinischen Gefängnis, dessen brutale Foltermethoden viele Insassen umbrachten und aus dem der Protagonist einen Fluchtversuch unternimmt, wird die Geschichte Radowitzkys – offenbar basierend auf autobiographischen Fragmenten und einer Biographie eines engen Freundes – aus der Ich-Perspektive in Rückblenden erzählt. Die insgesamt schwarz-weiß gehaltenen Bilder werden immer wieder durch Rotfärbungen durchbrochen, die die erlebte Gewalt, den erlittenen Schmerz, aber auch zuweilen hoffnungsvollere Gefühle zum Ausdruck bringen. Die unterschiedliche historische und politische Kontexte beleuchtende Geschichte erzählt nicht nur von einem beeindruckenden Menschen und Leben, sondern wir erfahren auch viel über die internationalen Vernetzungen und Unterstützungsaktionen von Anarchist*innen und Sozialist*innen, wie auch über die immer wieder von tödlicher Gewalt geprägten Spannungen zwischen sowjetkommunistischen, sozialistischen und anarchistischen Gruppierungen. 

Von anderen Kämpfen, aber einer ebenso bewegten Geschichte erzählt uns "Pierre Goldman. Das Leben eines Anderen" des Franzosen Emmanuel Moynot. Der Band gibt uns einen spannenden Einblick in die linke Szene im Nachkriegsfrankreich und berichtet über den titelgebenden jüdischen Antifaschisten, kurzzeitigen Guerillero und Gangster Pierre Goldman. Dieser wurde in den 1970ern für einen Doppelmord verurteilt, in zweiter Instanz aber freigesprochen, drei Jahre später unter mysteriösen Umständen ermordet und mutierte spätestens da zu einer Ikone. Moynot präsentiert uns – meist basierend auf Aufzeichnungen Goldmans in der Ichperspektive verfasst – einsteigend mit der von Tausenden bevölkerten Beerdigung, Goldmans Leben, seine Überfälle, die Umstände der ihm angelasteten Morde und vor allem ausführlich die beiden Gerichtsprozesse. Er unterbricht seine Erzählung zudem mit zahlreichen Interviews mit Weggenoss*innen Goldmans. Durch sie erhalten wir sowohl einen sehr lebendigen Zugang zu den damaligen linken Debatten und Kämpfen (Algerien, die französischen Rechtsextremen, Arbeitskämpfe und Mai 1968, aber auch Lateinamerika und Naher Osten) wie zur faszinierenden Figur Goldman. Der Comic ist wohl auch unter Auslassung der Interviews gut lesbar und spannend, aber gerade die Verbindung der verschiedenen Text-Bild-Gattungen (auch die Interviewteile sind mit abgezeichneten Dokumenten und Fotos reich bebildert) machen das Buch zu einem hochspannenden Zeitfenster. 

Vom spanischen Partisanenkampf erzählt auch "Verdad" der Italienerin Lorena Canottiere. Die Autorin schildert sehr poetisch das Leben einer hier fiktiven spanischen Kämpferin, die getrieben von einem Bild ihrer Mutter, das diese auf dem Monte Verità zeigt, die Freiheit sucht und im Kampf schwer verwundet wird. Was am mit Farbstift und Kreide gezeichneten Werk sofort ins Auge springt, ist die besondere Farbgebung, die vorwiegend in Primärfarben gehalten ist. Canottiere spielt mit einer Bandbreite von Zeichenstilen, die verschiedene Zeitebenen und Erzählstränge, aber vor allem emotionale Zustände zum Ausdruck bringen. Erzählt wird verschachtelt und die zwischen verschiedenen Zeitebenen springende Handlung wird durchbrochen und angereichert durch Legenden und lyrische Geschichten, die die Realität kommentieren und durchdringen. Formal ist die Geschichte geschickt in einem sehr freien Seitenaufbau dargestellt, was viel erzählerische Freiheit bringt und doch nie unruhig wird. Völlig überzeugt mich das Buch aber nicht: Die kindlichen Zeichnungen (Canottiere ist auch Kinderbuchillustratorin) geben dem Ganzen eine gewisse Naivität, die es zwar ermöglicht, auch den kindlichen Wünschen und Ängsten der Protagonistin auf die Spur zu kommen, diese wird dadurch aber auch ein bisschen infantilisiert und ihrer Stärke beraubt. Auch dass die Autorin offenbar von Monte Verità begeistert ist und sehr ausführlich historisch darüber berichtet, passt zu diesem naiven, auch entpolitisierenden Zug. Nichtsdestotrotz ein wirklich schönes Werk, dessen Bildwelten zum langen Betrachten einladen. 

Zum Schluss soll noch auf ein Werk des österreichischen Künstlers Thomas Fatzinek hingewiesen werden, der bei Bahoe Books einige Comics über antifaschistische Kämpfe veröffentlichte. Am meisten beeindruckt mich sein Buch "Als die Nacht begann...", das einem jungen Wiener Arbeiter in den sog. „Februaraufstand“ des sozialdemokratischen Schutzbundes gegen den austrofaschistischen Ständestaat 1934 folgt. Fatzinek arbeitet durchgehend – und das gibt der Erzählung eine ganz besondere Kraft – mit Linolschnitten. Er steht damit nicht nur in einer sehr langen Tradition politischer Karikaturen, sondern v.a. auch in derjenigen der politischen Holzschnitt-Erzählungen (im Englischen als "Woodcut Novels" bezeichnet), wie sie in der Zwischenkriegszeit von Künstlern wie Frans Masereel, Lynd Ward oder Clément Moreau verfasst wurden. Für alle, die sich für österreichische Sozialgeschichte interessieren, ein besonderes Fundstück. 

Wohl alle der hier vorgestellten Comics sind auch für eine Auseinandersetzung im pädagogischen Kontext geeignet. Nicht nur können über sie Einblicke in historische Situationen, politische Kämpfe, interessante Persönlichkeiten und die Kraft des Widerstandes gegen Herrschaft und des Ringens um die Herstellung von Gerechtigkeit gewonnen werden, die zu Diskussionen und weiteren Recherchen anregen. Sie laden zudem dazu ein, unterschiedliche Repräsentationsformen zu analysieren: Aus welcher Perspektive wird geschrieben und gezeichnet? Welche Ereignisse/Personen/Konstellationen werden über Bild und/oder Text miteinander verknüpft? Über welche Bilder wird Gewalt, über welche Widerstand vermittelt? Wie wird auch das Gefühlsleben der Protagonist*innen sichtbar gemacht? Was wird nicht erzählt? Was ereignet sich zwischen den Bildern in den Köpfen der Betrachter*innen? 

Es lohnt sich ein Blick in das weitere Programm des Verlags. Zu wünschen wäre, dass dieser zukünftig auch noch einen stärkeren Fokus auf feministische Kämpfe und Kämpfer*innen legte.

Literatur 

Marcelo D´Salete (2019): Angola Janga. Eine Geschichte von Freiheit. Wien: Bahoe Books. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Lea Hübner.

Marcelo D´Salete (2017): Cumbe. Wien: Bahoe Books. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Lea Hübner.

Agustín Comotto (2019): Simón Radowitzky. Vom Schtetl zum Freiheitskämpfer. Wien: Bahoe Books. Aus dem argentinischen Spanisch von Lea Hübner.

Emmanuel Moynot (2019): Pierre Goldman. Das Leben eines Anderen. Wien: Bahoe Books. Aus dem Französischen von Karl Neumayer.

Lorena Canottiere (2017): Verdad. Wien: Bahoe Books. Aus dem Italienischen von Georg Fingerlos.

Thomas Fatzinek (2016): Als die Nacht begann... Wien: Bahoe Books.

 

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