Dialogue

Bildungs- und Empowermentaspekte in der Arbeit von Amaro Drom e.V.

Anna Friedrich studierte Europäische Ethnologie und Westslawistik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie leitet das Projekt „Dikhen amen!“ bei Amaro Drom e.V. in Berlin. Sie ist außerdem als politische Bildnerin in den Bereichen Rassismussensibilisierung, geschlechtliche und sexuelle Vielfalt sowie Intersektionalität tätig

Von Anna Friedrich

Amaro Drom e.V. ist die wichtigste bundesweite Jugendselbstorganisation von Rom*nja[1]und Sinti*zze. Unsere Arbeitsschwerpunkte sind Jugendverbandsarbeit, die Vertretung der Interessen von Jugendlichen sowie Antidiskriminierungsarbeit. Hier hat der Verein bereits wertvolle Kompetenzen aufgebaut.Eine unserer Stärken liegt in der transkulturellen Ausrichtung – Rom_nja, Sinti_zze und Menschen, die weder Rom_nja noch Sinti_zze sind, arbeiten bei uns auf allen Ebenen zusammen. Dabei hat der gegenseitige Austausch einen großen Stellenwert. Diesen Anspruch setzt Amaro Drom e.V. auf vielfältige Weise um. Die Ziele und Schwerpunkte der Vereinsarbeit fasst der zweite Vorstandsvorsitzende, Silas Kropf, folgendermaßen zusammen: 

„Immer mehr jugendliche Sinti und Roma schließen sich in Selbstorganisationen zusammen und erheben gemeinsam ihre Stimme, um für ihre Rechte einzustehen. Aber die Stärkung der Minderheit alleine reicht nicht aus. Insbesondere mit Blick auf den anhaltenden Rechtsruck in Deutschland braucht es vor allem auch Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit, um die Realität der Minderheit bekannter zu machen, Vorurteile zu bekämpfen und um perspektivisch zu einem positiven Klima des Miteinanders zu gelangen. Das funktioniert nur, indem man im Austausch miteinander steht, indem man nicht übereinander, sondern miteinander spricht“.

Amaro Drom setzt sich aktiv für Respekt und gesellschaftliche Teilhabe von Rom_nja und Sinti_zze ein. Wir kritisieren den Alltagsrassismus, die ausgrenzenden gesellschaftlichen Mechanismen und politischen Entscheidungen, welche die physische und psychische Unversehrtheit von Rom_nja bzw. Sinti_zze gefährden. Wir stärken junge Rom_nja und Sinti_zze, damit sie sich selbstbewusst für ihre Interessen einsetzen können. Und wir sensibilisieren Angehörige der Mehrheitsbevölkerung für die vielschichtige Diskriminierung von Rom_nja und Sinti_zze. Wir verstehen unsere Vereinsarbeit daher als einen wichtigen Beitrag zu rassismuskritischer Bildung.Ein Beispiel hierfür ist das Projekt „Dikhen amen!“.

Als junge Rom_nja und Sinti_zze selbstbewusst nach außen treten

Das Projekt „Dikhen amen!“ besteht seit 2015. Sein Hauptziel ist das Empowerment junger Rom_nja und Sinti_zze. Darunter verstehen wir Raum für Selbstbewusstsein, Selbstbehauptung und den Kampf um Anerkennung als gleichberechtigter Teil der Gesellschaft zu schaffen. Die Aktivistin Fatima Hartmann sagt hierzu: 

„Empowerment heißt für mich, sich selber entwickeln, in seinem Denken weiterkommen und neue Projekte angehen. Es bedeutet sich zu fragen: ‚Was können wir, was kann jeder Einzelne von uns, verändern, damit es uns als Menschen besser geht?‘“

Wir verstehen Empowerment-Arbeit als einen wichtigen Ansatzin unserer Vereinsarbeit. Denn rassistische Vorurteile gegen Rom_nja und Sinti_zze sind noch immer weit verbreitet. In der Schule, im Ausbildungsbetrieb, an der Universität oder unter Kolleg_innen sind diskriminierende Einstellungen gegen Rom_nja oder Sinti_zze sehr präsent. Dadurch haben die Jugendlichen erschwerte Voraussetzungen, ein selbstbewusstes Verhältnis zu ihren diversen Identitäten zu entwickeln. Dies kann zur Folge haben, dass sie sich weniger für ihre Interessen und Belange einsetzen. 

Aus unserer Vereinsarbeit wissen wir, dass viele Jugendliche vermeiden, sich in der Öffentlichkeit als Rom_nioder Sinte_zza zu erkennen zu geben. Dadurch schützen sie sich vor Rassismuserfahrungen. Durch unser Projekt tragen wir dazu bei, diesen Folgen von Rassismus gegen Rom_nja und Sinti_zze etwas entgegen zu setzen. 

Durch die inhaltliche Arbeit und unser methodisches Vorgehen öffnen wir den Raum für das Empowerment jugendlicher Rom_nja und Sinti_zze. Ein wichtiger Ansatz ist, dass die Jugendlichen sich mit ihrer eigenen Geschichte beschäftigen. Einen Schwerpunkt setzen wir hier auf die Auseinandersetzung mit dem Genozid an Rom_nja und Sinti_zze im Nationalsozialismus. Denn fast alle Jugendlichen stammen aus Familien von Überlebenden des Genozids. In den Schulen, aber auch sonst, erfahren sie nur sehr wenig über diesen Teil ihrer Geschichte. 

Welche Effekte der Blick in die Vergangenheit für das heutige Leben der Jugendlichen hat, fasst Joschla Weiß, ehemalige pädagogische Leiterin von „Dikhen amen!“, wie folgt zusammen: 

„Aus dem Blick in die Vergangenheit können wir lernen, wie mit dem Genozid umgegangen wurde, wie er verarbeitet wurde und welche Stärken daraus entstehen mussten. Es ist wichtig, sich zu erinnern und gleichzeitig den Blick nach vorne zu richten.“ 

Aus unserer Erfahrung wissen wir, dass das Lernen über die eigene Geschichte besonders erfolgreich ist, wenn die Jugendlichen im Austausch mit älteren Aktivist_innen aus den eigenen Communities sind. Diese können auf besonders empathische Weise und aus eigener Erfahrung berichten. Außerdem waren viele der Aktivist_innen maßgeblich an den Kämpfen der deutschen Sint_zze und Rom_nja für die Anerkennung des Genozids in der deutschen Gesellschaft beteiligt. Die Jugendlichen lernen so auch Geschichten von Widerstand kennen. Dies ist ein wichtiges Vorbild für den Umgang mit den heutigen Lebenssituationen, in denen sich die jungen Rom_nja und Sinti_zze befinden. 

Wir erleben auch in den anderen Themenbereichen des Projektes, dass die Jugendlichen besonders viel und gern von aktivistischen Rom_nja und Sinti_zze lernen. Sei es bei Fragen von Einwanderung und Bleiberecht, Geschlechtergerechtigkeit, Menschenrechten oder Bildung.

Zentraler Bestandteil unserer methodischen Arbeit ist, dass wir das Selbstbewusstsein der Jugendlichen fördern. Wir vermitteln ihnen auch ein gesteigertes Bewusstsein über die Stärken der Communities. Dazu zählen Aspekte wie Mehrsprachigkeit, starke soziale Netzwerke oder Strategien im Umgang mit Rassismus. 

Unsere bisherige Projekterfahrung zeigt, dass sich nicht nur kognitive, sondern auch künstlerische Ansätze für die Vermittlung von Wissen eignen. Dabei sind besonders theaterpädagogische Arbeitsweisen hervorzuheben.Indem die Jugendlichen ihre persönlichen Erfahrungen mit Diskriminierungen auf kreative Weise erforschen, können mehrdimensionale Diskriminierungserfahrungen aufgedeckt und gemeinsam reflektiert werden.Auch können die damit zusammenhängenden Gefühle besser erkannt und aufgefangen werden.

Andere Jugendliche für die Themen von Rom_nja und Sinti_zze sensibilisieren

Aber nicht nur das Empowerment junger Rom_nja und Sinti_zze ist das Ziel von „Dikhen amen!“. Das Projekt hat auch die Sensibilisierung für Rassismus bei denjenigen zum Ziel, die weder Rom_nja noch Sinti_zze sind. Auch hier unterstützen wir junge Rom_nja und Sinti_zze dabei,selbst aktiv zu werden. Zentraler Bestandteil hierfür ist die Teamer_innen-Ausbildung. Diese startete im November 2018. Im Rahmen der Ausbildung qualifizieren wir 16 junge Rom_nja und Sinti_zze aus ganz Deutschland für die politische Bildungsarbeit.

Im Rahmen der Ausbildung lernen die Teilnehmendenin sechs Modulen, wie man Workshops für andere Jugendliche plant und durchführt. Sie erfahren, wie sie andere junge Rom_nja und Sinti_zze zusammenbringen und stärken können. Sie lernen außerdem, Jugendliche für den Rassismus gegen Rom_nja und Sinti_zze zu sensibilisieren. 

Durch die Teamer_innen-Ausbildung lernen die Teilnehmenden, souverän in der Öffentlichkeit aufzutreten. Daraus resultiert nicht nur ein gesteigertes Selbstbewusstsein. Ein weiteres Ergebnis ist, dassdie Jugendlichen auch zu positiven Vorbildern für andere junge Menschen werden. Außerdem lernen die Jugendlichen, sich für ihre persönlichen und politischen Belange aktiv in die Gesellschaft einzubringen. 

„Romane Krla – die Rom_nja Stimmen“ für ein sichtbares Gedenken

„Dikhen amen!“ ist nicht das einzige Projekt von Amaro Drom, welches die Ausbildung von Multiplikator_innen im Fokus hat. Unser Projekt „Romane Krla – die Rom_nja Stimmen“ widmete sich diesem Vorhaben mit Schwerpunkt auf den Genozid an den Rom_nja und Sinti_zze im Nationalsozialismus. 

Das Projekt, das im Juni 2017 begann und im Dezember 2018 endete, bot eine einzigartige Gelegenheit für junge Rom_nja-Aktivist_innen. Sie erlernten, Wissen über die Ermordung von Rom_nja, Jüd_innen und anderen Minderheiten während des Zweiten Weltkrieges, sowie vergangene und aktuelle Mechanismen von Rassismus an andere Menschen weiterzugeben.

Ähnlich wie „Dikhen amen!“ bot das Projekt „Romane Krla!“ eine Plattform für das Zusammenkommen junger Rom_nja und Sinti_zze. Durch diese Zusammenkünfte konnten die Teilnehmenden über die eigene Geschichte diskutieren und die eigenen Erzählungen an Orte bringen, in denen sie normalerweise nicht gehört werden (z.B. Schulen, politische Institutionen, Universitäten etc.). „Romane Krla!“ trug außerdem dazu bei, falsche Darstellungen zu überwinden, die in Workshops und anderen Aktivitäten über Rom_nja und Sinti_zze reproduziert werden.

Durch Bildungs- und Empowermentarbeit werden gesellschaftliche Erfolge erzielt

In unserem Text haben wir gezeigt, dass Empowerment von jugendlichen Rom_nja und Sinti_zze ein wichtiger Beitrag zur rassismuskritischen Bildung ist. Dabei sollte vor allem die gegenseitige Vernetzung der Jugendlichen und der Austausch mit Rom_nja und Sinti_zze aus älteren Generationen nicht unterschätzt werden. So können sich alle Teilnehmenden gegenseitig auch in schwierigen Situationen unterstützen und sich motivieren, im Leben nicht aufzugeben, auch wenn der Rassismus gegen Rom_nja und Sinti_zze viele Hürden bereitstellt.

Genauso wichtig, wie es ist, innerhalb der Communities zu wirken, ist es, die Perspektiven vom Rom_nja und Sinti_zze nach außen zu tragen und Menschen für den spezifischen Rassismus zu sensibilisieren. Hierfür bilden wir jugendliche Rom_nja und Sinti_zze zu Multiplikator_innen aus. Diese sind nach der Ausbildung in der Lage, vor allem Jugendliche, die weder Rom_nja noch Sinti_zze sind, Themen aus den Communities näher zu bringen und den allgegenwärtigen Rassismus zu hinterfragen. Gerade in Zeiten, in denen rassistische, menschenverachtende und rechtsextreme Einstellungen in Deutschland und Europa erstarken, ist es uns wichtig, dass wir uns für die Überwindung rassistischer Einstellungen, der Anerkennung von Diversität und gleichen Entfaltungsmöglichkeiten für alle Menschen einsetzen. 

Rassismus gegen Rom_nja und Sinti_zze ist ein sehr verbreitetes, aber immer noch wenig beachtetes Phänomen. Durch unsere praktische Arbeit bei Amaro Drom e.V. und seinen Untergliederungen bemerken wir aber, dass erste Erfolge der Sensibilisierungsarbeit zum Thema zu verzeichnen sind und die Nachfrage für unsere Arbeit und die ähnlicher Initiativen steigt. Wir freuen uns über gegenseitigen Austausch. 

 

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