Dialogue

„Geschichte machen“ – Partizipation und Selbstwirksamkeit in lokalen Jugendgeschichtsprojekten

Von Sandra Brenner

Vorbemerkung 

Als Leser_innen des LaG-Magazins sind Ihnen die Grundsätze des historischen Lernens bekannt. Daher wird in diesem Beitrag auf Grundbegriffe wie Quellenarbeit, die Effekte von und Bedenken gegenüber Zeitzeug_innengesprächen, (Multi-)Perspektivität, Kontroversität, Deutungshoheit, Gegenwartsbezug etc. nicht vertiefend eingegangen. Dennoch spielen diese Aspekte eine wichtige Rolle für das Konzept der lokalen Jugendgeschichtsarbeit, mit dem die Beratungsstelle Zeitwerk für lokale Jugendgeschichtsarbeit des Landesjugendring Brandenburg e.V. arbeitet und das hier vorgestellt wird.

Zeitwerk

Zeitwerk ist die Beratungsstelle für lokale Projektarbeit in der außerschulischen historisch-politischen Jugendbildung im Land Brandenburg. Die Beratungsstelle regt Jugendliche zur zeitgeschichtlichen Spurensuche an. Sie unterstützt und berät haupt- und ehrenamtliche Träger bei der konkreten Umsetzung lokaler Forschungsprojekte. Der Fokus der Mitarbeiter_innen der Beratungsstelle liegt dabei insbesondere darauf, neben der Ermöglichung der Aneignung von historischem Wissen, partizipative Lern- und Erfahrungssituationen zu schaffen und methodische Kompetenzen zu vermitteln. 

Das Zeitwerk arbeitet in zwei größeren Jugendprojekten mit dem Konzept der lokalen Jugendgeschichtsarbeit. Dies ist zum einen das Jugendprogramm „Zeitensprünge“, welches seit 2005 bereits über 400 Jugendgruppen in der Erforschung von Geschichte vor Ort mit von den Jugendlichen selbst gewählten Themen begleitet hat. Zum anderen handelt es sich um das Jugendprojekt „überLAGERt“, das in einer Pilotphase bereits im Jahr 2017 umgesetzt wurde und nun seit Herbst 2018 erneut Gruppen die Möglichkeit gibt, Orte ehemaliger KZ-Außenlager in Brandenburg zu erforschen. Die Begleitung dieser Gruppen durch das Zeitwerk wäre ohne die Vernetzung mit und fachlicher Unterstützung von einer Vielzahl von Kooperationspartner_innen, insbesondere der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten nicht möglich. 

Zeitwerk gehört zum Landesjugendring Brandenburg e.V., der Arbeitsgemeinschaft der landesweit tätigen Jugendverbände und Stadt- und Kreisjugendringe in Brandenburg. Der Träger vertritt die Interessen der Kinder und Jugendlichen im Land Brandenburg gegenüber Politik und Verwaltung. Maßgeblich für ihn ist das Kinder- und Jugendhilfegesetz, in welchem wesentliche Ziele und Grundsätze der außerschulischen Bildung beschrieben sind. 

Projektansatz „lokale Jugendgeschichtsarbeit“ 

Im Projekt wird 

  1. 1. die Methode der historischen Projektarbeit 

  2. 2. mit der des „Entdeckenden Lernens“ (Exploratives Lernen) und 

  3. 3. den Prinzipien der außerschulischen Jugendbildung kombiniert. 

Als historische Projektarbeit wird ein Lernverfahren verstanden, in dessen Verlauf Jugendliche selbständig und eigeninitiativ geschichtliche Themen und Fragestellungen bearbeiten. Diese erfolgt in mehreren Phasen, die sich zusammensetzen aus: Projektinitiative, Projektplanung, Projektdurchführung, anschließender Präsentation der hergestellten Produkte (Produktorientierung) und abschließende Bewertung und Reflektion der Ergebnisse und des Projektverlaufs. [Heuer 2006: 146] Dabei wenden die Gruppen nach ihren Möglichkeiten geschichtswissenschaftliche Forschungsmethoden an und halten sich an Prinzipien wie (Multi-)Perspektivität, Kontroversität, Wissenschaftsorientierung, Pluralität. [Wenzel 2016: 25ff] Die Grundlagen historischen Lernens und Forschens eignen sich die teilnehmenden Jugendlichen durch Workshops an. Die Vermittlung der fachlichen Inhalte vollzieht sich auch im Rahmen von Exkursionen zu Museen und anderen historischen Lernorten.

„Entdeckendes Lernen“ stellt nicht die Vermittlung von vorgegebenen Lehrinhalten, sondern die Interessen der beteiligten Jugendlichen in den Vordergrund und fördert zugleich ihre Neugierde sowie eigenständiges Lernen. Erwachsene, die das Projekt begleiten, sind selbst „unwissend“ bezogen auf das Forschungsergebnis. Die Projektbegleitenden nehmen eine moderierende Rolle ein. Die Projektgruppen entwickeln eigene Fragestellungen und suchen nach Möglichkeiten, Antworten darauf zu finden. Mehr als andere Lernverfahren gilt die explorative Methode als „Vorbereitung für das soziale Leben“ (John Dewey), insbesondere, wenn sie sich an gesellschaftlichen Problemen und Bedürfnissen orientiert, die den Sozialraum und die Lebenswelt von Jugendlichen berühren. Zum Entdeckenden Lernen gehört selbstverständlich das Aufsuchen der zu erforschenden Orte, aber eben auch das Finden von Zeitzeug_innen, Expert_innen, die Exkursion zu Gedenkstätten oder Museen, welche den Erwerb der Hintergrundnarration [Lücke/ Zündorf 2018: 44], sprich von Kontext- und Verbindungswissen ermöglichen. 

Eine besonderes Merkmal der lokalen Jugendgeschichtsarbeit sind für uns als Träger in der Struktur der Jugendarbeit die Prinzipien der außerschulischen Jugendbildung, denn sie ermöglichen den Jugendlichen Werte und entsprechende Verhaltensweisen zu erkennen und auszuprobieren, die ihnen gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen und erleichtern. Teilweise korrespondieren diese Prinzipien mit den Merkmalen des historischen und des Entdeckenden Lernens. Zu diesen Prinzipien gehören: 

  • Gruppenorientierung: Entscheidungen werden in der Gruppe ausgehandelt und mit der Gruppe abgestimmt

  • Offenheit und Flexibilität: Das Projektergebnis ist nicht starr vorgegeben und nicht mittels Erwartungshorizont definiert. Die Gruppe entscheidet immer wieder nach Forschungs(miss)erfolgen, ob der vereinbarte Weg noch sinnvoll und im Gruppeninteresse ist. Auf unerwartete Ereignisse kann flexibel eingegangen werden. 

  • Mit- und Selbstbestimmung des Lernprozesses: Die Gruppenmitglieder entscheiden gemeinsam, wer welche Aufgabe übernimmt. Wer welche Stärken einsetzen kann oder sich Neues aneignen möchte. Niemandem wird dabei etwas aufgezwungen.

  • Freiwilligkeit der Teilnahme und der Beteiligung: Die Jugendlichen melden sich freiwillig zur Teilnahme und in welcher Art und Weise und wie lange sie sich in das Projekt einbringen. 

  • Erfahrungsbezogenes Lernen und Aktionsorientierung (siehe Entdeckendes Lernen) [Griese 2009: 237] 

Letztlich ermöglichen diese Prinzipien Selbstbildungs- und -wirksamkeitserfahrungen der Jugendlichen. Damit wird die Mündigkeit der/des Einzelnen anerkannt und gestärkt, denn diese_r hat das Recht und in der Regel auch den Willen, über ihre/seine eigene Entwicklung selbstbestimmt zu entscheiden. Durch Gruppenprozesse wird die Einsicht gestärkt, dass es neben Rechten auch Pflichten gibt, deren Erfüllung für den Erfolg des Projektes und die eigene Entwicklung notwendig und wichtig ist. [Deinet 2012: 39ff] 

Selbstbildung basiert auf Begegnung und Gespräch, auf Beobachtung und Erkundung, auf Wahrnehmung und Fühlen, auf Hören und Lesen, auf Reflexion aus eigener Einsicht und Motivation. In den Projekten der lokalen Jugendgeschichtsarbeit haben die Jugendlichen die Zeit und den Möglichkeitsraum für das selbstbestimmte Lernen, welches nicht an Curricula, formale Eingangsvoraussetzungen oder ein bestimmtes Lebensalter gebunden ist. Dieser Möglichkeitsraum kann dabei helfen, die Einsichtsfähigkeit, warum bestimmte Curricula wichtig sind, zu erhöhen. Der Anspruch der Situation gibt dabei den Ansporn, nach eigenen Problemlösungen zu suchen.Wenn beispielsweise ein Gruppenmitglied die Aufgabe übernommen hat, die Fragen beim Zeitzeug_inneninterview zu stellen, wird irgendwann der Zeitpunkt kommen, an dem es sich selbst überlegt oder der Druck in der Gruppe wächst, entsprechend sinnvolle Fragen zu entwickeln. Und dann kommen verschiedene Fragen auf: Wer begrüßt die_den Zeitzeug_in? Wer verabschiedet ihn_sie? Wie bedankt sich die Gruppe für das Gespräch? In welcher Form soll das Gespräch festgehalten werden? Können und dürfen die Aussagen für das Projekt verwendet werden? Was ist eine sinnvolle Frage? Die Fragen entstehen also beim Tun, unter der Voraussetzung, dass die Gruppe weiß und verinnerlicht hat, dass dieses in der Verantwortung der Gruppenmitglieder und nicht des begleitenden Erwachsenden liegt. 

In den Projekten der lokalen Jugendgeschichtsarbeit stehen die Jugendlichen nicht nur einmal beim Zeitzeug_inneninterview vor der Deklination der einzelnen Aufgaben und deren Aufteilung auf die Gruppenmitglieder. In jeder Phase der mehrmonatigen Projektarbeit von der Idee über die Planung und Durchführung der Präsentation vor Ort und bei der überregionalen Jugendgeschichtsmesse bis hin zur Reflektion treffen sie sich. Sie besprechen die vielfältigen Aufgaben, tauschen sich über Erlebtes, Erfahrenes, Erschreckendes, Erkenntnisse, Hinweise, Zusammenhänge, Enttäuschungen, Lustiges, Erfolge, Sackgassen und auch Alltägliches aus. 

„Ich habe immer im Internet gesucht. Jetzt frage ich meine Eltern, Oma und Opa. Ich habe sogar Bücher gelesen und festgestellt, dass viel Interessantes drin steht. Ich weiß jetzt mehr von hier als meine Familie und die fragen mich jetzt immer was ich erforsche und rausbekommen habe.“ (

Das alles passiert nicht irgendwo, sondern in dem Raum, in dem sich die Jugendlichen bewegen, da wo sie wohnen, ihre Freund_innen treffen und soziale Kontakte haben: mit Eltern, Familie, Freund_innen, Nachbar_innen, Ortsbewohner_innen etc. Diese Personen bekommen so auch mehr oder weniger mit, was die Jugendlichen in ihrem Projekt machen und verhalten sich dazu. Damit hat die Projektarbeit Relevanz, sie spricht die Neugierde und Emotionen [Vgl. Besand 2018: 10] aller Beteiligten an. Sie ist besonders und vor allem anders als das alltägliche Leben für die Jugendlichen und für die Bewohner_innen des Ortes. Sie schafft Gesprächsanlässe. Dazu gehört auch, unbequeme Perspektiven und Zugänge zum Thema sichtbar zu machen, die Perspektiven derjenigen, die sich in der Vergangenheit an diesen Orten aufhalten mussten, weil sie bspw. Inhaftierte eines ehemaligen Konzentrationslagers waren. Nicht zuletzt die Auseinandersetzung mit Perspektiven und Motivation der Täter_innen als auch Nutznießer_innen ist Teil der lokalen Jugendgeschichtsarbeit.

Durch die längere Projektlaufzeit eröffnen sich Zeitfenster, um sich auszutauschen und miteinander zu reden. Oftmals entstehen aus diesen Gesprächen auch Fragen an Erinnerungsmöglichkeiten: Was und wie können wir erinnern? Und damit beginnt ein neues Projekt oder ist es nur eine Projektphase? Ist es ein Stück Lebensweg auf dem Weg von Heranwachsenden zu mündigen Bürger_innen?

Literatur

Besand, Anja: Lernen im Feld vermeintlicher Gewissheiten - Zur Reflexion von Emotionen in politischen, Bildungsprozessen, Journal für politische Bildung, 2/2018.

Deinet, Ulrich: Eigensinn und Selbstbestimmung als Anlässe für Aneignungsprozesse in: FORUM für Kinder und Jugendarbeit 3/2012.

Griese, Hartmut: Außerschulische Jugendbildung - was ist das eigentlich? http://www.die-bonn.de/doks/griese0301.pdf, 3.8.09.

Heuer, Christian: Projektarbeit in Mayer, U. u.a. "Wörterbuch Geschichtsdidaktik", Wochenschau Verlag, 2006.

Lücke, Martin/ Zündorf, Irmgard: Einführung in die Public History, UTB-Verlag, 2018.

Wenzel, Birgit: "Kreative und innovative Methoden - Geschichtsunterricht einmal anders", Wochenschau-Verlag, 6. Auflage, 2016.

 

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