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Anke John: Lokal- und Regionalgeschichte. (Reihe „Methoden historischen Lernens“) Wochenschau-Verlag Frankfurt a. Main 2018, ISBN: 978-3-7344-0550-1, 16,90 €.

Von Uwe Danker

Den Bezugsrahmen ihrer Überlegungen benennt die Autorin am Anfang ihres Vorwortes: Während Curricula lokal- und regionalgeschichtliche Themen im Geschichtsunterricht aufgrund ihrer „Veranschaulichung und Konkretion“, der „Identitätsvergewisserung“ propagierten, zugleich aber regionale Geschichtskulturen oft auch den „Hauch des Provinziellen und des Folkloristischen“ trügen, sei die Lebenswelt heutiger Heranwachsender durch „Migration, Mobilität und durch eine unbegrenzte digitale Vernetzung geprägt“. Vor diesem scheinbar widersprüchlichen Hintergrund scheine es „an der Zeit zu sein, die thematische Relevanz von Lokal- und Regionalgeschichte erneut zu durchdenken und die Frage zu stellen, welches besondere Potenzial dieser räumlich begrenzte Zugang für die Geschichtsbedürfnisse und das Geschichtsbewusstsein von Heranwachsenden noch haben kann ...“ (S. 7) 

Um schließlich ihre tragende These auszuformulieren, geht die Autorin in diesem Denkprozess sehr systematisch vor. Zunächst referiert sie didaktische Konzepte zur Heimat- und Regionalgeschichte vom Beginn des Geschichtsunterrichts an: Das Verhältnis von Vaterlands- und Universalgeschichte in der Aufklärung, im 19. Jahrhundert obrigkeitlich verordnete historische Heimatkunde im Spannungsfeld zwischen „Landespatriotismus und aufklärender Bürgerbildung“ (S. 19), wobei zunächst ausschließlich die Volksschule adressiert wurde, während am Gymnasium die Antike der quasi einzige historische Gegenstand blieb. Leser_innen lernen das Konzept von Albert Richter, Autor der ersten Quellensammlung für die Volksschule, kennen, auch übergreifende, regionalhistorischen Unterricht fördernde Überlegungen Pestalozzis sowie Erklärungsansätze zur Kompensation der Modernisierungserfahrungen. Jeweils relevante Akzente aussuchend, geht der historische Rückblick auf Unterrichtspraxis weiter: Die Weimarer Heimatschulbewegung, die pädagogische Umsetzung der Blut- und Bodenideologie in der NS-Zeit, die Rückkehr zum nationalgeschichtlichen Meisternarrativ nach 1945, die Entdeckung von regional und lokal recherchierter Alltagsgeschichte in den 1970ern, Rückwirkungen der französischen Annales-Schule und weitere Theoriedebatten, ein Blick auf die DDR-Geschichtsmethodik und schließlich aktuelle geschichtsdidaktische Beiträge im Rahmen des „spatial turn“. 

Johns Schlusssatz nach dem Rückblick mündet in das folgende Bekenntnis: „Eine zentrale These dieses Buches geht davon aus, dass es spezifische Denkleistungen gibt, die besonders an der Beschäftigung mit lokal- und regionalgeschichtlichen Themen und Methoden ausgeprägt werden. Diese basieren auf der Interpretation von im Original vorfindlichen Quellen und mündlichen Erzählungen und befähigen den Einzelnen zur direkten Partizipation und Mitgestaltung von Geschichtskultur im nahen Umfeld.“ (S. 45) 

Die These wird in den folgenden Abschnitten sukzessive aufgebaut. Zunächst betrachtet die Autorin Raum- und Ortsbezüge, steigt ein mit klugen Reflektionen über Handlungs- und Erfahrungsräume von Schüler_innen (S. 46ff), erörtert – ein wenig – die Heimatvorstellungen von Jugendlichen und sucht Orientierung zwischen sich widersprechenden empirischen Studien, folgt im Rahmen einer transparenten Begründung eher Bernd Lohse als Bodo von Borries. Sodann betrachtet die Autorin regionalgeschichtliche Lerngelegenheiten, erörtert zunächst „historische Orte“, für die sie eine Typologie anbietet, (S. 58), lokale Archive und Heimatmuseen schließen sich an. Es folgt ein kurzer Blick auf Lehrpläne, Geschichtswettbewerbe und die besondere Situation des bilingualen Geschichtsunterrichts. 

Nach dem Abstecken dieser formalen Rahmenbedingungen plädiert die Autorin für eine reflektierte Themenbestimmung und Unterrichtsgestaltung. Sie benennt anfangs ein paar Kriterien für die Auswahl einschlägiger Themen, identifiziert im „lokalen Wissen“ die Schulung historischen Denkens und kommt zu einer spannenden kulturanthropologischen Aussage: „Die Art und Weise, sich mit lokalen Vergangenheiten auseinanderzusetzen, scheint weltweit ähnlich zu sein“ (S. 77). Lokales Wissen in ihrem Verständnis basiere auf Recherchen und Auswertungen originaler Quellen vor Ort, werde gegebenenfalls ergänzt durch Oral-History und biete immer auch die Option einer Partizipation und Veränderung der lokalen Geschichtskultur an.

In einem weiteren Abschnitt diskutiert John Repräsentationen der Lokal- und Regionalgeschichte in der Geschichtskultur. Die geschichtswissenschaftliche Dimension zeige insbesondere zu welchen Ausdifferenzierungen unseres historischen Wissens regionalhistorische Darstellungen beitrügen. Die Autorin betrachtet (historische) Identitätsbildung im Spannungsbogen von Globalität und Lokalität, erörtert Heimatbewusstsein und Gegenwartsbezüge, diskutiert auch kurz politisch gewollte Basisnarrative im Kontext landeshistorischer Identitätskonzepte. 

Anschließend werden programmatische Überlegungen der Unterrichtsgestaltung konkretisiert: Rekonstruktion von lokaler Geschichte auf der Grundlage originaler Quellen, die sonst keinen Eingang in unterrichtliches Geschehen finden, bei diesen Ansätzen beinahe natürlich daherkommende Multiperspektivität, Orientierungserfahrungen in Raum und Zeit, Verankerungen der örtlichen Phänomene in Geschichtsepochen, die noch einmal betonte Option einer Beeinflussung der regionalen Geschichtskultur und schließlich günstige Bedingungen für Motivation und nachhaltiges Lernen. Das sind aus der Sicht der Autorin offenbar die sechs Stärken einschlägiger unterrichtlicher Beschäftigung, die sie argumentativ jeweils kurz ausführt.

Der umfängliche theoretische Teil des Bandes wird abgeschlossen mit überzeugenden Überlegungen der Autorin zum Verhältnis von regionaler und allgemeiner Geschichte, nämlich zum Spannungsverhältnis zwischen dem Typischenam örtlichen Exempel und dem regionalspezifischen Besonderen. John betont eine eigene Dignität der Regionalgeschichte, die indes eine Bedingung zu erfüllen habe: „Die Gratwanderung, im Geschichtsunterricht gleichzeitig Vertiefung und Überblick, Singularität und Allgemeingültiges zu berücksichtigen, verlangt (...) die Fähigkeit, die Geschichte eines Ortes oder einer Region mit der allgemeinen Geschichte zu verbinden“ (S. 106). Auch für die Relation von regionaler und allgemeiner Geschichte wird eine einfache, aber überzeugende Typisierung geliefert (S. 108-123): das repräsentative Fallbeispiel, Ort oder Region als Ausgangspunkt historischer Prozesse, die Enttypisierung, also beispielsweise Auflösung von Stereotypen, und schließlich viertens die historische globale Verflechtung von Regionen. 

Der noch einmal 125 Seiten umfassende Praxisteil liefert acht wohl durchdachte, an realen örtlichen Exempeln ausgeführte Praxisbeispiele: ein eigenes lokales Archiv anlegen, archäologische Ausgrabungen begleiten, historische Märkte in der Stadt bearbeiten, Hochwassernöte rekonstruieren, Denkmäler aufspüren und einordnen, lokale Machtübernahme der Nationalsozialisten nachzeichnen, Verfolgung in der NS-Zeit vor Ort recherchieren, lokale Migrationsgeschichte betreiben. Jeweils versehen mit Literaturangaben, spezifischen Quellen, Ausführungen und dokumentierten unterrichtlichen Arbeitsaufträgen sind die vorgestellten Exempel hinreichend konkret, aber nicht aufdringlich als Vorlagen konstruiert, um wertvolle Anregungen und Transferoptionen für engagierte eigene unterrichtliche Projekte der Ort- oder Regionalgeschichte zu bieten. 

Der Band ist sehr ambitioniert angelegt und erfüllt, was er verspricht: umfängliche und fast durchgängig überzeugende Überlegungen einschließlich gelungener Typisierungen im Theorieteil sowie übertragbare und reflektierte Praxisbeispiele. Etwas überrascht, dass die Autorin auf eine eingehende Reflexion des Begriffs Region verzichtet hat; zu selbstverständlich kommen deshalb die kleinen, überschaubaren Räume daher, die sich geografisch, mental, sozial, politisch oder auch kulturell umgrenzen lassen. Bisweilen erscheinen einzelne Textteile etwas gedrängt, wohl weil die Autorin extrem viel vorhat, tatsächlich auch immer wieder mit spannenden Einzelaspekten aufwartet. Gedrängtheit unterstreicht indes auch das Layout des Bandes, das für den engagierten Verlag typisch, aber nicht mehr zeitgemäß ist. Gestalterische Elemente und vor allem Platz könnten solche wertvollen Produkte noch besser erscheinen lassen. – Unsere Kritik ist in Relation zu den Leistungen des Buches gering: Wer eine geschichtsdidaktische Einordnung und begründete unterrichtliche Optionen von lokaler oder regionaler Geschichte sucht, ist mit diesem Band bestens bedient.  

 

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