Dialogue

Potenziale der lokalen Spurensuche im Themenbereich Demokratiegeschichte

Annalena Baasch studierte in Berlin Public History und ist bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. als Projektkoordinatorin für Demokratiegeschichte tätig.

Von Annalena Baasch

Aus Sicht der deutschen Demokratie ist 2019 ein Super-Jubiläumsjahr. 30 Jahre Mauerfall, 70 Jahre Grundgesetz, 100 Jahre Gründung der Weimarer Republik: Es gibt dieses Jahr viele Anlässe, sich mit Demokratiegeschichte zu befassen. Über 100 Jahre Demokratie-Erfahrungen in Deutschland regen auch zum Nachdenken darüber an, wie Demokratie heute gelebt wird und wie sie in Zukunft gestaltet werden soll. Wie aber können das Erforschen demokratischer Tradition und die Auseinandersetzung mit dem eigenen demokratischen Verständnis zusammengebracht werden? Die Methode der lokalen Spurensuche Demokratiegeschichte ist eine Antwort auf diese Frage.

Lokale Spurensuche: Was ist das?

„Grabe, wo du stehst“ ist seit fast 40 Jahren das Motto von Geschichtswerkstätten und lokalen Geschichtsvereinen. Zumeist in Gruppen beschäftigen sich Spurensuchende mit den Menschen, Orten und Traditionen, die ihre lokale Geschichte prägten. Geschichte wird buchstäblich vor der Haustür gefunden.

Denn es muss nicht immer die ferne Hauptstadt oder die Entscheidung eines Kanzlers sein: Die Geschichte meiner Stammkneipe, in der jahrelang eine Arbeitervertretung tagte oder der Entschluss meiner Oma, die erste Frauenfußballmannschaft im Ort zu gründen, können genauso relevant und spannend sein. Allerdings sind diese Geschichten gefühlt nicht so weit weg wie etwa die Geschichte des Weimarer Theaters oder die von Konrad Adenauer. Mit Worten aus der Pädagogik ausgedrückt: Die lokale Spurensuche stellt einen Bezug zum Lebensraum der Suchenden her.
Ein weiterer Vorteil der Suche nach Geschichte vor Ort ist, dass die ersten Ansprechpersonen schnell gefunden sind: Familie, Freund_innen und Nachbar_innen sowie lokale Archive und Vereine. Oft bestehen schon Kontakte oder können schnell geknüpft, Treffen und Gespräche unkompliziert organisiert werden. Und ganz nebenbei lernen die Spurensuchenden, Verantwortung für ihren Lernprozess zu übernehmen und ihre Ergebnisse auszuwerten. Doch dazu später mehr.

Erinnerungskultur

Für viele Menschen ist es die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus oder mit dem SED-Staat, die sie zu politischem Engagement anregen. Insbesondere das Gedenken an die Verbrechen des NS-Regimes kann Grund sein, eine Wiederholung derselben verhin dern zu wollen. „Nie wieder!“: Aus der Vergangenheit soll gelernt werden, was man in Gegenwart und Zukunft vermeiden soll und das bei allen Fehlern unsere heutige Demokratie doch gar nicht so schlecht ist. Insbesondere Vertreter_innen der Politik oder auch der Gedenkstättenland-schaft fördern diese Form der Erinnerungskultur. Die offizielle Seite des Gedenkens und Erin-nerns stimmt jedoch nicht zwangsläufig mit dem individuellen Geschichtsbewusstsein überein. Prägend für dieses können etwa Erzählungen von Familienmitgliedern oder auch erste Begegnungen mit dem Thema, z. B. im Schulunterricht, sein.

Dass die Verbindung von Gedenken und Demokratieförderung gerade von politischer Seite gewollt ist, wurde erneut in dem Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD von 2018 festgehalten:

„Ohne Erinnerung keine Zukunft – zum demokratischen Grundkonsens in Deutschland gehören die Aufarbeitung der NS-Terrorherrschaft und der SED-Diktatur, der deutschen Kolonialgeschichte, aber auch positive Momente unserer Demokratiegeschichte.“ (Zeilen 7994-7957)

Hier wird die Rolle der Demokratie in Deutschland als Gegenmodell zur Diktatur deutlich. Allerdings verweist der Abschnitt auch darauf, dass „positive Momente unserer Demokratiegeschichte“ Beachtung finden sollen. Es geht bei der Förderung einer positiven Erinnerung an Demokratie also darum, den Wert der Demokratie nicht (nur) in ihrer Gegenüberstellung zur Diktatur zu sehen, sondern ihren Eigenwert herauszustellen.

Demokratiegeschichte: Was steht an? Wer kümmert sich darum?

In Deutschland gibt es Institutionen, die eine Auseinandersetzung mit demokratischen Traditionen fördern. Dazu gehören etwa die Politikergedenkstiftungen (Konrad-Adenauer-Stiftung, Friedrich-Ebert-Stiftung etc.), Vereine wie der Weimarer Republik e. V. oder auch Orte wie der Friedhof der Märzgefallenen in Berlin-Friedrichshain. Einige Akteur_innen erfahren durch das Jubiläum „100 Jahre Weimarer Republik“ mehr Aufmerksamkeit oder gründen sich neu. Zu letzteren gehören etwa der Blog „Aufstehen!“ zum Jubiläum des Kieler Matrosenaufstands.

Als Zugänge zur Demokratiegeschichte bieten sich drei Gruppen besonders an: Personen, Orte und Jubiläen. Sie alle eignen sich, Demokratie, demokratische Werte und Möglichkeiten ihrer Ausgestaltung zu hinterfragen.

Jubiläen: Was feiern wir da eigentlich? Wie sind die Ereignisse damals aufgenommen worden? Wie bewerten wir sie heute? Ist dieses Jubiläum überhaupt feiernswert

Personen: Wer war diese Person und was hatte sie oder er für Ansichten? Unterscheiden sich diese von denen, die ich heute vertrete? Warum wird an sie oder ihn heute (nicht) erinnert?

Orte: Warum wurde dieser Ort Ausgangspunkt einer demokratischen „Bewegung“? Findet man hier Spuren vor Ort? Wie wird der Ort heute genutzt? Wer historische Verhältnisse hinterfragt, sollte dabei auch die eigenen Ansichten reflektieren. 100 oder 30 Jahre: das kann eine lange, aber auch eine kurze Zeitspanne sein. Manche Dinge verändern sich quasi über Nacht, während manche Entwicklungen über Jahre oder Jahrzehnte verlaufen. So ist auch Demokratie das Ergebnis eines Prozesses, an dem wir heute noch mitwirken. Vielleicht zeigt eine Spurensuche neue Handlungsmöglichkeiten auf, die Inspiration für eigenes Engagement liefern.

Warum lokale Spurensuche und Demokratiegeschichte? Drei Thesen.

Demokratie ist nicht abgeschlossen, sondern läuft weiter. Das stellt uns einerseits vor die Her-ausforderung zu überlegen, wie man an etwas erinnert, was noch gar nicht vorbei ist. Anderer-seits hat es den Vorteil, dass wirklich jeder mitreden kann. Egal wie kurz oder lang wir in Deutschland leben: Jede und jeder von uns hat Erfahrungen mit Demokratie gemacht. Und das ist mehr, als alle paar Jahre zur Wahl zu gehen. Das sind Erfahrungen, die wir beim Leben von und in einer Demokratie machen. In der Schule oder Ausbildung, in der Arbeit, beim Besuch auf der Behörde, im Sportverein, in der Familie... Wir diskutieren, streiten, schließen Kompro-misse: Demokratie ist Lebensform und nicht nur Staatssache.

Klar ist, dass alle Menschen unterschiedliche Erfahrungen mit Demokratie machen. Also nicht nur positive, sondern auch negative Erfahrungen. Zu letzteren gehören beispielsweise Erfahrun-gen mit (institutionellem) Rassismus. Und auch in der Schule oder auf der Arbeit werden längst nicht alle Beschlüsse ausdiskutiert, wir bewegen uns nicht in einer hierarchiefreien Gesellschaft. Doch gerade diese Ambivalenz gehört zur Demokratie(geschichte) dazu und deshalb kann und muss sie thematisiert werden. Die perfekte Demokratie gibt es ebenso wenig wie fehlerlose Demokrat_innen.
Und zuletzt eine Anmerkung zur Methode: Wer sich über Demokratie unterhält oder diese erforscht, sollte auch eine demokratische Methode wählen. Das Miteinander, z. B. das Entscheiden des Themas oder die Verteilung von Aufgaben im Projekt ist mindestens ebenso wichtig wie das Endergebnis. Nur wenn ein Team funktioniert und miteinander kommuniziert, kann am Ende etwas stehen, womit man zufrieden ist. Übrigens kann auch gemeinsam scheitern eine demokratische Erfahrung sein. Aber zunächst hoffen wir natürlich, dass es mit der Spurensuche und der Demokratie schon klappen wird.

Literatur

Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD, 19. Legislaturperiode, Ein neuer Auf-bruch für Europa – Eine neue Dynamik für Deutschland – Ein neuer Zusammenhalt für unser Land: https://www.bundesregierung.de/Content/DE/_Anlagen/2018/03/2018-03-14-koalitionsver-trag.pdf;jsessionid=D8441271F80A17CB667FF06285750F1B.s6t2?__blob=publicationFile&v=1, Zeilen 7994-7957.

 

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